Meine Kindheit an der Isar in München – Karla Weigand
Außer der Reihe 102
p.machinery, Winnert, Oktober 2026
ISBN: 978 3 95765 531 8
Seiten: 265
Preis: 17,90 €
Ich lese hin und wieder sehr gerne Biografien und so wundert es nicht, dass es Karla Weigand gelungen ist, mich in die Nachkriegszeit zu entführen, die sie mit ihren Eltern in München zugebracht hat. Dass die Autorin schreiben kann, hat sie in vielen Romanen und Kurzgeschichten bereits unter Beweis gestellt, aber ureigene Erlebnisse zu Papier zu bringen, ist noch einmal eine andere Herausforderung, denn hier muss die Phantasie außen vor bleiben und man muss absolut ehrlich sein.
Und das ist Karla Weigand im ganzen Buch. Sie gesteht ihre Fehler ein und versucht an keiner Stelle sich als liebenswürdiges, gescheites und schüchternes Kind darzustellen. Ganz im Gegenteil erzählt sie uns, dass sie schon immer ein kleiner Wirbelwind war, der seinen ureigenen Kopf hatte. Einen Kopf, der sich viele Gedanken machte und sich viel zusammenreimte, was nicht immer unbedingt der Wahrheit entsprach, aber macht das nicht gerade das Kindsein aus?
Ich weiß, dass Kinder heute nicht mehr viel lesen und in einer ganz anderen Welt groß werden, aber ich fände es gut, wenn auch junge Menschen dieses Biografie lesen würden, um sich ein Bild davon zu machen, wie es sich im Vor-Handy-Vor-Internet-Zeitalter gelebt hat. Wie man ohne Bad und Heizung auskommen kann und trotzdem nicht klagt. Wie man um jedes Essen und jedes Kleidungsstück (auch die verhassten bunten Ami-Klamotten) dankbar sein kann und wie man auch mit wenig Platz auskommt. Wenn sie erfahren würden, dass in dieser Zeit Schulklassen weit größer waren und man alleine sehen musste, dass man mitkam. Wenn sie erfahren würden, dass es tatsächlich Zeiten gab, als es weder Waschmaschinen, noch Spülmaschinen oder gar Staubsauger gab. Ich schätze, es wird ihnen ebenso schwer fallen, wie sich vorzustellen, wie man einen Ort völlig ohne Handy oder Navi finden kann.
Obwohl ich 15 Jahre jünger bin, kenne ich vieles, das Karla Weigand beschreibt noch aus meiner eigenen Kindheit, aber bei fremden Menschen einquartiert zu werden, gehört erfreulicher Weise nicht dazu. Sich, zumindest im Anfang, als unerwünschte Gäste zu fühlen, das stelle ich mir nicht besonders schön vor.
Es hat mir gut gefallen, die kleine aufmüpfige Person kennenzulernen, die schon recht früh ihren eigenen Kopf hatte und wusste, was gut für sie ist. Über einiges musste ich schmunzeln und bei anderen Dingen fiel mir wieder ein: Ja, so war das damals. Da hatte man die Kohlen im Keller und musste sie täglich hochschleppen, um zumindest ein Zimmer warm zu bekommen. Und ungewollt begibt man sich mit dieser Lektüre selbst auf eine Zeitreise und gräbt längst Vergessenes wieder aus. Egal ob es gute oder weniger gute Erinnerungen sind.
Mich hat auch gefreut, dass Karla Weigand immer einen Weg gefunden hat, sich zurückzuziehen und mit sich alleine zu sein. Mit Büchern, selbstverständlich. Die Liebe zur Literatur hat bei ihr schon früh begonnen und ist nie geendet.
Egal, ob für Leser, die die Autorin auf ihrer Zeitreise begleiten oder welche, die in völlig fremde Welten eintauchen, ich finde dieses Buch absolut lesenswert. Mich hat es ganz vorzüglich unterhalten und ich habe Seiten von Karla Weigand kennengelernt, die ich bisher nicht kannte. Und die haben sie mir noch sympathischer gemacht.




