ml-universe

22. November 2022

Der Tod kommt auf Zahnrädern – Eine Steampunk Anthologie

Der Tod kommt auf Zahnrädern – Janika Rehak/Yvonne Tunnat (Hrsg.)
Anthologie Amrum Oktober 2022 Softcover
Seiten: 318
Preis: 13,90 €
ISBN: 978 3 95869 500 9

Das Cover von Christian Günther gefällt mir sehr gut und passt zum Titel.
ACHTUNG: Ich werde spoilern, das aber immer kennzeichnen.

Angelika Brox – My Happiness
Ein Mann wird von einem Hubschrauber abgeholt und am Zielort in ein Ei verfrachtet, das ihn in eine andere Steampunk-Welt bringt. Wir beobachten ihn bei seinen ersten Eindrücken, die er erst noch verarbeiten muss. Da er sich mit Musik am besten konzentrieren kann, packt er seine Gitarre aus und fängt an zu singen. Schnell bildet sich eine Menschentraube um ihn.
SPOILER:
Bei dem Mann handelt es ich um Elvis, wir haben es hier also mit dem alten »Elvis-lebt-Mythos« zu tun, der hier aber meiner Meinung nach mal originell umgesetzt wird. Die Idee, dass all die Rock- und Filmstars, die an ihrem Ruhm zerbrochen sind, irgendwo anders glücklich werden könnten, gefällt mir. Natürlich lässt die Story Fragen offen, aber ich finde, dass so eine kurze Geschichte das durchaus darf. Es handelt sich hier für mein Empfinden mehr um eine kurze Impression als um eine ganze Story. Trotzdem hat sie mich darüber nachdenken lassen, wie diese andere Welt wohl aussehen mag und wer sich neben Elvis dort noch so finden lässt.

Lisa Thiede – Damenopfer
Eine kleine Reporterin hat genug von der Monarchie und spielt mit der weißen Dame, Königin Victoria, um die Zukunft des Landes. Die Schachfiguren sind echte Personen. Ich schätze, dass Schachspieler mehr von dieser Story haben als Personen, die mit den Regeln nicht so vertraut sind. Der Ansatz, dass Lügen und Halbwahrheiten für eine Nachricht genügen müssen, hat mich schmunzeln lassen. Ansonsten fand ich die Story gut geschrieben, die Idee mit den Schachfiguren hat was, aber das Ende hat mich nicht überzeugt. Was durchaus an mir liegen kann.
SPOILER:
Ich mag prinzipiell keine Storys, bei denen am Ende beide Widersacher tot sind.

Michael Schmidt – Braunkreuz
Rebellen wollen die Herstellung eines chemischen Kampfstoffes vereiteln, haben aber einen Verräter in den eigenen Reihen, dem sie eine Falle stellen.
Die Geschichte wirkt auf mich wie ein Versatzstück eines größeren Ganzen, das zwar irgendwie auch für sich alleine stehen kann, aber viele Fragen unbeantwortet lässt. Wenn an dem Stoff intensiv gearbeitet wird, könnte ich mir vorstellen, dass ein interessanter Roman dabei herauskommt.

Tessa Melle – Tempus Fugit
Eine Frau sorgt mithilfe der Steamtechnologie dafür, dass misshandelte Frauen ihre Peiniger loswerden.
Die Autorin schafft es mich in ihre Welt zu ziehen, ich mag den Stil und die Sprache, die Bilder vor meinen Augen erzeugt.
SPOILER:
Ich habe mir allerdings die Frage gestellt, warum die Libelle nicht einfach Gift spritzt, anstatt Blut zu zapfen. Das wäre wesentlich einfacher gewesen, aber dann wären die Steamuhren nicht zum Einsatz gekommen. Und wie an anderer Stelle bereits angemerkt wurde, sind die Probleme für die Frauen damit leider nicht behoben, denn in dieser alten Welt wird ja der Mann auch für den Unterhalt gesorgt haben, insofern sind die Frauen zwar ihre Peiniger los, haben dafür aber einen vollen Sack weiterer Probleme. Gut im geschilderten Fall könnte die Tochter eine Ausbildungsvergütung bekommen und damit die Mutter unterstützen.
Ich stimme grundsätzlich zu, dass Selbstjustiz nicht verherrlicht werden sollte, aber ich frage mich auch, wie den Frauen sonst hätte geholfen werden können.
Wären die Männer lediglich in Haft gekommen, was ich für die damaligen Verhältnisse für äußerst fragwürdig halte, hätten sie sich nachher umso heftiger gerächt. Den Frauen irgendwo anders ein Heim zu bieten wäre ggf. noch möglich gewesen, aber dann hätte man sicherstellen müssen, dass die Männer nicht erfahren, wohin ihre Frauen gebracht werden. Dafür wäre dann wahrscheinlich eine anders geartete Steamtechnologie nötig gewesen.

Carolin Gmyrek – Die Jagd nach Dampf
Story über einen Jungen, den seine Eltern mechanisch am Leben erhielten. Eine Nachfahrin (von der wir nicht wissen, wo sie herkommt, denn es wird nicht von Geschwistern es Jungen berichtet.) entdeckt über 300 Jahre später den Wald, in dem der Junge immer noch lebt. Sie hat die Vorstellung, dass der Menschheit damit gedient wäre, wenn diese Art des Lebens in der Medizin Anwendung finden könnte. Der Jäger, der ihr für diese Suche zur Seite gestellt wird, hat kein besonderes Interesse daran, den Jungen lebendig einzufangen und schießt auf ihn. Das ist die Ursache dafür, dass diese Nachfahrin sich umentscheidet.
Die Idee als solche fand ich nicht schlecht, aber die Umsetzung hat mich nicht überzeugt. Nach dem dritten »weißen Schimmel« wollte ich schon weiterblättern. Aus der Idee hätte man wesentlich mehr machen können.

Aiki Mira – Die Zukunft
Ein verkrüppelter Aristokrat und ein Fotograf, der als Frau geboren wurde, buhlen um die Gunst der verheirateten Aurelie. Sie assistiert dem Fotografen und wäre gerne selbstständiger als die Zeit ihr das gestattet. Der Reiche präsentiert eines Tages eine Maschine, die angeblich die Seele fotografiert, doch statt der Seele bekommen sie Aurelies Knochen zu sehen. Sie ist fasziniert von der Maschine und scheint sich zu verändern, um dann eines Tages sang- und klanglos zu verschwinden. Nach einigen Jahren bekommen die beiden eine Zeitschrift aus den USA, dort wollte Aurelie gerne Karriere machen. So macht man sich Fans! Ich habe bei Aikis Geschichten immer den Eindruck, dass sie die Sätze dreht und wendet, löscht, neu schreibt und wieder überarbeitet. Zumindest hoffe ich das, denn die Vorstellung, sie würden Aiki einfach so aus den Fingern laufen, hat etwas Beunruhigendes. ;-) Ich mag ihre ungewöhnlichen Vergleiche, ich liebe, wie sie mit Worten umgeht und ich mag ihre gefühlvollen Geschichten, die mich echt gefangen nehmen. Aiki schafft es, mir selbst einen Säufer sympathisch zu machen.

Galax Acheronian – Von Käfern, Schaben und anderem Ungeziefer
Ein Heizer und ein Page auf deinem Luftschiff helfen einer feinen Dame dabei das Beweisstück für den Mord an ihrem Bruder zu sichern, damit der korrupte Polizist an Bord es nicht entwenden kann.
Die Grundidee gefiel mir und ich schätze Galax könnte ein richtig guter Autor werden, wenn er dem Handwerk mehr Aufmerksamkeit widmen würde. Ich gebe zu, dass ich vielleicht anders lese als andere, aber mich schrecken Zeit- und Perspektivfehler ebenso ab wie unglückliche Formulierungen, wie: »Clara runzelte die Stirn und musterte Johan, wobei ihr Blick auf die Perlenkette gerichtet war, die er trug, um seinen Adamsapfel zu verbergen« Wow! Das müssen ja Monsterperlen sein. Wobei ich ahne, dass Galax sagen will, dass die Kette von seinem Adamsapfel ablenken soll, statt ihn zu verbergen.
Auch wenn die Frau in Galax Story Hilfe braucht und bekommt, so verwendet er doch keine typischen Rollenbildern, denn sein Heizer trägt gerne Frauenkleider und geht verkleidet auch als Frau durch.

Janika Rehak – Mechanical Circus
Ein Junge liebt seine Mutter und seinen mechanischen Zirkus. Als die Mutter stirbt, beschließt der Vater, den Jungen in ein Internat zu schicken. Der Vater ist kein sympathischer Mensch. Anstatt froh zu sein, dass er zukünftig nicht mehr unter ihm zu leiden hat, trauert der Junge der Vergangenheit nach und flüchtet sich in die Fantasie. Meiner Meinung nach lässt die Autorin offen, ob er sich aus dem Fenster stürzt und stirbt oder ob nicht doch ein Hochseil erscheint, auf dem er sich aus seiner Realität flüchten kann. Mir hat diese Story außerordentlich gut gefallen, ich fand sie sehr einfühlsam geschrieben.

Thorsten Küper – Hayes Töchter und Söhne
Ein böser amerikanischer Konzern hat zusammen mit Wupperdampf! amerikanische Ureinwohner zu Arbeitssklaven ohne eigenen Willen gemacht. Unter ihnen befindet sich Hayes Sohn, den er mithilfe seines Schwiegervaters befreien möchte, aber er gerät bei dem Versuch in Gefangenschaft.
Tolles Setting, starke Figuren und gekonnt erzählt. Hat mich voll abgeholt. Küper hat es halt drauf.

Uwe Post – Zero el Anarcho
Influencer im Dampfzeitalter, die sich gegen die Obrigkeit behaupten müssen. Nette Gimmicks, ansonsten Klamauk. Humor ist bei mir immer so ein Ding. Entweder ich muss lachen oder nicht. Bei Texten, die mich quasi anschreien: Ich bin lustig!, passiert das äußerst selten.

Frederic Brake – Lautes Sterben
Lannister und Graf von Falkenberg müssen einen Mord aufklären. Der Tote scheint von einem Geisterwesen getötet worden zu sein, aber es fehlen die dafür typischen Magiereste. So kommt der Verdacht auf, dass ein Mensch die Methode imitiert.
Nicht der erste Kontakt mit diesen beiden Ermittlern, die für mich zu ähnlich sprechen, wodurch nicht immer sofort klar ist, wer gerade das Wort führt. Ansonsten finde ich diese Personen recht interessant.

Jol Rosenberg – Sehnsucht
Ein zum Automaton umgebauter Mensch flieht aus der Kaserne, in der es untergebracht ist. Es will nicht mehr töten, sondern nach Hause, nach Motstetten, aber diesen Ort scheint es nicht zu geben. Sehr berührende Story übers Mensch und menschlich sein. Die Sprache, der Ton, die Feinfühligkeit haben mich sehr angesprochen. Mit eine meiner Lieblingsgeschichten.

Yvonne Tunnat – Morsche Haut
Eine Frau trifft im Zug eine andere Frau, die mit ihrem Sohn reist. Dieser Sohn hätte vor Jahren sterben müssen, wenn man ihn nicht halb mechanisiert am Leben erhalten hätte. Allerdings hat dieses Leben auch seine Nachteile, denn die organischen Teile verrotten langsam. Ekelig, aber sehr eindrücklich geschildert. Am besten lässt man sich die Story von der Autorin vorlesen. ;-)

Oliver Bayer – Die Nacht des toten Gärtners
Ein Doktor braut mit dem heimlich gewonnenen Blut der Oberschicht ein Lebenselixier. Seine Freundin, eine Prostituierte, kommt ihm auf die Schliche und will mithilfe ihres Freundes das Elixier zu Geld machen. Was allerdings nicht gelingen wird, weil … Tja, das verrate ich hier nicht.

Uwe Herrmann – Wir von der Kaiserlichen Reinigungskolonne
Bei der nächtlichen Arbeit stößt der Reinigungstrupp auf die Leiche eines Wissenschaftlers und entsorgt sie aus Angst vor möglichen Repressalien vor der Leichenhalle. Daraufhin wird einer von ihnen erschossen, die anderen gejagt. Der Ich-Erzähler flieht und schafft es sich die privaten Gegenstände des Toten zu besorgen. Damit schleicht er sich in die Akademie, wo er auffliegt und gefangen genommen wird. Im Gefängnis erfährt er von den vernichtenden Plänen des Stadtkaisers und versucht diese mithilfe der anderen Gefangenen zu vereiteln. Ich fand die Story recht unterhaltsam und gekonnt geschrieben.

Fazit:
Wie bei Anthologien allgemein üblich, überzeugt den Leser nicht jede Geschichte gleichermaßen, aber trotzdem scheint jede Geschichte ihre Liebhaber gefunden zu haben. Mich hat die Anthologie gut unterhalten und ich würde jederzeit wieder zugreifen, wenn die Herausgeberinnen es erneut wagen würden, eine Storysammlung zu veröffentlichen.
Ich vergebe vier von fünf Sternen.

19. November 2022

InterNova 1 – internationales Onlinemagazin

Ein Magazin kehrt zurück. InterNova war vor Jahren schon einmal auf dem Markt und wurde dann vorübergehend eingestellt, weil Michael Iwoleit gesundheitliche Probleme hatte und kürzer treten musste. Nun erlebt die internationale Nova Schwester eine Wiederbelebung. Es ist geplant, dass jedes Jahr zwei Online-Ausgaben und eine Printausgabe erscheinen sollen.

in der ersten Ausgabe gab es diese Kurzgeschichten:

Brandon Crilly (Canada) “Remembrance”
Adriana Alarco de Zadra (Peru)  „The Jellyfish“
Louis Evans (USA) „Babies Come from Earth“
Bruce Golden (USA) “The Withering”
Guy Hasson (Israel) „The Assassination“
Helmuth W. Mommers (Austria)  „Download“
Ana Cristina Rossi (Costa Rica) „Abel“
C.M. Teodorescu (Romania) The Death of Mr. Teodorescu“
Frank Roger (Belgium) „The Colony“

Remembrance -Brandon Crilly (Canada)
Ein Veteran leidet so sehr unter dem Verlust seiner Truppe, dass er sich in eine virtuelle Wirklichkeit stürzt, in der er seine Kameraden wieder hat und jeden Tag etwas mit ihnen unternehmen kann. Seine Tochter möchte gerne, dass er die Wirklichkeit akzeptiert und sich in die Realität findet. Aber dann kommen ihr Gedanken, die ihr näherbringen, wie ihr Vater fühlt.
Die Story hat mir seht gut gefallen, weil ich mit dem Vater und der Tochter mitfühlen konnte.

Jellyfish – Adriana Alarco de Zadra (Peru)
Die Erde wurde komplett mit Wasser überspült und die Menschen versuchen, unter Wasser zu überleben. Eine Qualle beobachtet, wie sie sich dabei schlagen. 
Fand ich auch sehr gut.

Babies come from Earth – Louis Evans (USA)
Kinder werden nicht mehr von ihren Eltern aufgezogen, sondern gezüchtet, um fremde Welten zu bevölkern. 
Nicht schlecht!

The Withering – Bruce Golden (USA)
Ein Mann wird für seine Gedanken verurteilt und bewegungsunfähig in einer Art Krankenhaus verwahrt, aber selbst dort hört er nicht auf zu denken.
Sehr gruselige Vorstellung, die anhand der aktuellen Entwicklungen, wo es eine vorgegebene Meinung zu geben scheint und alle Andersdenkenden verurteilt werden, nicht mehr so abwegig erscheint. Toll!

The Assasination Guy Hasson (Israel)
Sehr schöne Story über einen Mann, der erfährt, dass sein Attentat von vor über 70 Jahren auf falschen Informationen beruhte.

Download Helmuth W. Mommers (Österreich)
Ein Junge spielt ein Spiel, dass ihn in die Zukunft versetzt. Diese Zukunft scheint nicht besonders erstrebenswert zu sein.

The Colony – Frank Roger (Belgien)
Nachdem Flüchtlinge auf der Erde nirgendwo mehr willkommen sind, stiehlt sich ein Paar an Bord einer Mondrakete.
Irgendwie unrealistisch, aber doch wieder eine gute Idee, dass die Flüchtlinge einen Weg finden, um zu überleben.

Abel – Ana Christina Rossi (Costa Rica)
Alle Menschen sind gestorben, nachdem die Bestäuber ausgestorben sind. Nur ein Geschwisterpaar hat überlebt. Allerdings leben die beiden weit voneinander entfernt. Nach dem die Schwester den Bruder gefunden hat, wird ihr klar, dass sie mit ihrem Bruder für Nachwuchs sorgen müsste, wenn sie die Menschheit retten wollen. Das will sie aber nicht und bringt ihren Bruder deshalb um. 
Die Idee als solche fand ich nicht uninteressant, aber die unmotivierten Perspektivwechsel haben mich genervt.

The Death of Mr Teodorescu – C. M. Teodorescu (Rumänien)
Die Beschreibung eines vollkommenen Recyclings eines Menschen. Gewöhnungsbedürftig.

Für mich war es sehr interessant, mal internationale Kurzgeschichten zu lesen, weil ich mich sonst nur mit deutschen Geschichten befasse. Es ist interessant, dass wir doch oft die gleichen Themen habe, aber auch völlig neue Ansätze zu finden waren.
Ich werde die zweite Ausgabe auch lesen, weil mir die erste gut gefallen hat. 

Das Cover gefällt mir auch ausgesprochen gut. Mit diesem putzigen Kerlchen würde ich einen Spaziergang wagen. ;-)

Jetzt hätte ich doch fast vergessen, zu sagen, wo ihr InterNova downloaden könnt. Tststs.

Available online at https://internova.wo…7/25/march-2022 or for download (PDF, ePub, mobi) at https://www.pmachine…nline/in01.zip.

16. Juli 2022

Titans Kinder von Aiki Mira

Filed under: Autor,Bücher,Buchbesprechung,Rezensionen,Roman,schreiben — mluniverse @ 14:45
Tags: , , ,

Titans Kinder – Aiki MIra
Andro SF 156
p. machinery, Winnert, Juni 2022, 196 Seiten Softcover
ISBN 978 3 95765 2952

Eine dreiköpfige Crew bricht zum Mars auf, was sich jedoch als Lüge für den uneingeweihten Marlon erweist, denn in Wirklichkeit geht es zum Titan. Ein Mond, der eigentlich nicht besiedelt sein dürfte.
Dort sollten sie von ebenfalls drei Personen erwartet werden, wovon allerdings nur eine anwesend ist. Die Aussage, die anderen beiden seien im Außeneinsatz unterwegs, erweist sich als Lüge, als ein Crewmitglied im Kühlraum als Leiche entdeckt wird. Als Sunita, die Chefin der Neuankömmlinge, der Sache auf den Grund gehen will, kommt auch sie ums Leben. Darüber wird erstaunlich schnell hinweggegangen und man widmet sich mehr den Gegebenheiten vor Ort, denn es gibt hier fremdes Leben, dessen Entwicklung die Wissenschaftler rasch vorantreiben. Aus Marlon und Verve, der Leiterin der Station, wird ein Paar und Rain, ein asexuelles Wesen, das als »sie« angesprochen werden möchte, entdeckt auf einem Ausflug ein Wesen, dessen Entwicklung viel weiter fortgeschritten ist, als es sein dürfte. Sie hält es für ein Kind und nimmt es mit auf die Station. Das führt zu weiteren Verwicklungen.

Mir hat dieser Roman gut gefallen, denn er unterscheidet sich in vielen Dingen vom herkömmlichen Einheitsbrei:
Beide Crews werden von Frauen geleitet. Es gibt ein asexuelles Wesen und eins, das künstlich von einem Konzern gezüchtet wurde.
Anstatt Terraforming zu betreiben, wie das in so vielen Romanen beschrieben wird, versuchen diese Wissenschaftler, die Entwicklung des Lebens auf dem Titan voranzutreiben. Besonders Rain fragt sich im Laufe der Handlung, warum sie alle nicht versucht haben, auf ein gestörtes Crewmitglied zu reagieren, anstatt es mit Medikamenten sich selbst anzupassen.
Ich habe schon Romane gelesen, in denen das Rollenbild verkehrt wurde, indem die Frauen einfach die Rollen der Männer annahmen. So plump geht Aiki MIra nicht vor, sondern arbeitet weit differenzierter. Ein Chef ist jemand, der das Sagen hat, völlig egal, was er für ein Geschlecht hat. Aiki Mira versucht dem Leser auch Rain nahezubringen, indem uns viel von ihren Gedanken offenbart werden, was sie außerordentlich sympathisch macht.
Selbst der Bösewicht wird vielschichtiger beschrieben als schlicht und einfach nur böse. Aiki Mira schafft es mit wenigen Worten, ihren Charakteren ein Gesicht zu verschaffen. Über Verve zum Beispiel heißt es, die hätte zwei Nobelpreise ausgeschlagen. Das sagt mir mehr als langatmige Beschreibungen: Die Frau ist sehr schlau, aber auch ein wenig rebellisch. Sie hat ihren eigenen Kopf und setzt ihre Prioritäten selbst.
Mir gefällt, wie Aiki MIra mit Sprache umgeht, sie verwendet recht ungewöhnliche, aber anschauliche Vergleiche, die mich oft zum Schmunzeln gebracht haben.
Ihr Debüt ist locker und gekonnt geschrieben und weiß zu unterhalten.
Ich habe die Perspektivsprünge als eine Art moderner, allwissender Erzähler gelesen, aber so war es wohl nicht gedacht. Mich haben sie nicht gestört, aber wenn sie gewollt sind, hätte man sie auch »sauber« gestalten können.
Ich empfehle das Buch daher mit vier von fünf Sternen.

16. Juni 2022

Aura von Bernhard Kempen

Aura – Bernhard Kempen
Andro SF 150
p. machinery, Winnert, März 2022, 164 Seiten Softcover
ISBN 978 3 95765 2768

Adrian Ginjeet, der Starreporter von der Erde, mochte zum Heimatplaneten zurückkehren und Arkadia, dem Planeten der Nackten den Rücken kehren, doch die Reise kann nicht stattfinden, weil auf Arkadia eine seltsame Seuche ausgebrochen ist und man den ganzen Planeten unter Quarantäne stellt.
Menschen mit Verletzungen finden diese plötzlich von Moos befallen, aber dagegen ist schnell ein Gegenmittel gefunden. Anders sieht es bei den Bauwerken aus, die ebenfalls unter Pflanzenbefall leiden. Es kommt der Verdacht auf, der Planet könnte sich mit großer Verzögerung gegen seine Kolonisten aufbäumen, im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Sporen, die sowohl Menschen als auch Bauwerke befallen, werden von den Moosbäumen abgesondert, die sich bislang völlig unauffällig verhalten haben.
Mit Greedys Hilfe geht Adrian dem Phänomen auf die Spur und kann sich über einen außergewöhnlichen Erstkontakt freuen.
Wie bei den beiden vorhergehenden Bänden nutzt der Autor jede sich bietende Gelegenheit, um seine Protagonisten Sex haben zu lassen. Für mich kämen die Romane auch gut ohne Sex aus, aber dann würde die Hälfte des Inhaltes wegfallen und wahrscheinlich wird der Autor inzwischen eine Fangemeinde haben, die völlig anderer Meinung sind.
Neben dem Sex geht es darum, für alles Fremde aufgeschlossen zu sein und ohne Vorbehalte darauf zu zu gehen. Leben und leben lassen. Ob es nun Menschen sind, die lieber nackt sind oder Bäume, die sich bedroht fühlen, spielt dabei keine Rolle.
Für meinen Geschmack gibt es ein paar Ungereimtheiten, wie z. B, dass das Moos, das ja eine feste Verbindung zum Menschen hat, nicht mit ihm kommuniziert, wo der Baum es tut, aber das wird sicher nicht jedem auffallen.
Adrian wird auf jeden Fall immer offener und richtig genervt hat er mich dieses Mal auch nicht. Vielleicht habe ich mich schon an ihn gewöhnt.

Bernhard Kempen erzählt gewohnt gekonnt und hält sich kurz.
Mein persönlicher Favorit wird er wohl nicht mehr werden, aber es gibt mit Yvonne Tunnat durchaus Personen, die das völlig anders sehen.

https://www.rezensionsnerdista.de/2022/04/28/aura-von-bernhard-kempen/

15. Juni 2022

Kommissar Lavalle und der Seinemörder von Karla Weigand

Kommissar Lavalle und der Seinemörder von Karla Weigand
Zwischen den Stühlen 2
p. machinery, Winnert, 4. April 2022, 332 Seiten Softcover
ISBN 978 3 95765 2737
Preis: 14,90 €

Das Cover zeigt uns endlich einmal nicht eine hübsche Frau, die uns den Rücken zuwendet, sondern ein Bild des Aufstandes. Für meinen Geschmack hätte das Bild gerne größer sein dürfen.
Karla Weigand begibt sich mit Ihrem Roman in die Zeit unmittelbar vor der Französischen Revolution. Sie stellt uns Kommissar Lavalle vor, der einem Serienmörder auf der Spur ist und sich ungewöhnlicher Mittel bedient. Der Mann mischt sich in verschiedenen Verkleidungen unters Volk, beobachtet und stellt ab und zu eine Frage. Kein Bösewicht weiß, wie Kommissar Lavalle aussieht. Er behandelt seine Spitzel so gut, dass sie ihm stets mit Informationen dienlich sind. Gegen entsprechende Vergütung versteht sich.
Der Serienmörder ist ein geschickter Mensch, aber seine Taten lassen nichts Menschliches erkennen, denn er zieht seinen Opfern die Gesichtshaut ab, damit sie nicht identifiziert werden können und somit kein Hinweis auf seine Person gegeben wird. Seine Opfer lädt er alle in der Seine ab. Der Fluss behält die Leichen nur eine gewisse Zeit. Was dann von den Opfern übrig bleibt, bietet keinen schönen Anblick.
Wir lernen den Kommissar auch privat kennen, erfahren, dass er eine Freundin hat, die er gerne heiraten würde, wenn er ihr nur etwas mehr bieten könnte, als sein mageres Salär hergibt. Auch das stellt einen Anreiz dar, den Mörder schnell zu überführen, denn man hat ihm signalisiert, dass in diesem Fall mit einer Beförderung zur rechnen wäre.
Mit der Eheschließung wäre er nicht nur für seine zukünftige Frau, sondern auch für deren Mutter und Bruder mit verantwortlich, denn die würde die Braut mit in die Ehe bringen.

Neben dem schmucklosen Alltag von Kommissar Lavalle erfahren wir, wie es am Hof des Königs zugeht: mit Prunk und Pomp und Verschwendungssucht. Was beim einfachen Volk nicht gut ankommt, denn die normalen Leute haben kaum genug, um zu überleben. Überall muss lange angestanden werden, ohne Gewissheit das Gewünschte zu bekommen. Da ist es kein Wunder, wenn die Wut auf »die da oben« besonders auf Adel und Kirche, die sich im Übermaß gut eingerichtet haben, immer größer wird.

Die Autorin beschreibt das Leben der Armen genauso intensiv wie das verschwenderische Leben am Hof. Sie lässt uns teilhaben an der Wut der Armen, die sich nicht immer an den richtigen Stellen entlädt und zeichnet ein Bild einer gefährlichen Stadt, in der man seines Lebens nicht mehr sicher ist. Sie nimmt den Leser mit in die Vergangenheit und geizt nicht mit Details, sodass beim Lesen ein farbiges Bild entsteht. All das kommt nicht belehrend beim Leser an, sondern unterhält auf stimmige Art und Weise.

Der Roman von Karla Weigand sticht aus der Flut der historischen Romane hinaus, weil es einmal nicht um eine Frau geht, die aus der ihr zugedachten Rolle ausbricht, weil sie einen homosexuellen Täter hat, weil sie wahre Begebenheiten so gut recherchiert hat und sie so ins Geschehen einflicht, dass es nie aufdringlich wird, weil sie politische Unruhen thematisiert und weil sie einfach gekonnt erzählt. Ich kann dieses Buch mit gutem Gewissen empfehlen. Vier von fünf Sternen, aber nur, weil der Bösewicht nur böse ist.

Nächste Seite »

Erstelle kostenlos eine Website oder ein Blog auf WordPress.com.