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16. Juli 2022

Titans Kinder von Aiki Mira

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Titans Kinder – Aiki MIra
Andro SF 156
p. machinery, Winnert, Juni 2022, 196 Seiten Softcover
ISBN 978 3 95765 2952

Eine dreiköpfige Crew bricht zum Mars auf, was sich jedoch als Lüge für den uneingeweihten Marlon erweist, denn in Wirklichkeit geht es zum Titan. Ein Mond, der eigentlich nicht besiedelt sein dürfte.
Dort sollten sie von ebenfalls drei Personen erwartet werden, wovon allerdings nur eine anwesend ist. Die Aussage, die anderen beiden seien im Außeneinsatz unterwegs, erweist sich als Lüge, als ein Crewmitglied im Kühlraum als Leiche entdeckt wird. Als Sunita, die Chefin der Neuankömmlinge, der Sache auf den Grund gehen will, kommt auch sie ums Leben. Darüber wird erstaunlich schnell hinweggegangen und man widmet sich mehr den Gegebenheiten vor Ort, denn es gibt hier fremdes Leben, dessen Entwicklung die Wissenschaftler rasch vorantreiben. Aus Marlon und Verve, der Leiterin der Station, wird ein Paar und Rain, ein asexuelles Wesen, das als »sie« angesprochen werden möchte, entdeckt auf einem Ausflug ein Wesen, dessen Entwicklung viel weiter fortgeschritten ist, als es sein dürfte. Sie hält es für ein Kind und nimmt es mit auf die Station. Das führt zu weiteren Verwicklungen.

Mir hat dieser Roman gut gefallen, denn er unterscheidet sich in vielen Dingen vom herkömmlichen Einheitsbrei:
Beide Crews werden von Frauen geleitet. Es gibt ein asexuelles Wesen und eins, das künstlich von einem Konzern gezüchtet wurde.
Anstatt Terraforming zu betreiben, wie das in so vielen Romanen beschrieben wird, versuchen diese Wissenschaftler, die Entwicklung des Lebens auf dem Titan voranzutreiben. Besonders Rain fragt sich im Laufe der Handlung, warum sie alle nicht versucht haben, auf ein gestörtes Crewmitglied zu reagieren, anstatt es mit Medikamenten sich selbst anzupassen.
Ich habe schon Romane gelesen, in denen das Rollenbild verkehrt wurde, indem die Frauen einfach die Rollen der Männer annahmen. So plump geht Aiki MIra nicht vor, sondern arbeitet weit differenzierter. Ein Chef ist jemand, der das Sagen hat, völlig egal, was er für ein Geschlecht hat. Aiki Mira versucht dem Leser auch Rain nahezubringen, indem uns viel von ihren Gedanken offenbart werden, was sie außerordentlich sympathisch macht.
Selbst der Bösewicht wird vielschichtiger beschrieben als schlicht und einfach nur böse. Aiki Mira schafft es mit wenigen Worten, ihren Charakteren ein Gesicht zu verschaffen. Über Verve zum Beispiel heißt es, die hätte zwei Nobelpreise ausgeschlagen. Das sagt mir mehr als langatmige Beschreibungen: Die Frau ist sehr schlau, aber auch ein wenig rebellisch. Sie hat ihren eigenen Kopf und setzt ihre Prioritäten selbst.
Mir gefällt, wie Aiki MIra mit Sprache umgeht, sie verwendet recht ungewöhnliche, aber anschauliche Vergleiche, die mich oft zum Schmunzeln gebracht haben.
Ihr Debüt ist locker und gekonnt geschrieben und weiß zu unterhalten.
Ich habe die Perspektivsprünge als eine Art moderner, allwissender Erzähler gelesen, aber so war es wohl nicht gedacht. Mich haben sie nicht gestört, aber wenn sie gewollt sind, hätte man sie auch »sauber« gestalten können.
Ich empfehle das Buch daher mit vier von fünf Sternen.

16. Juni 2022

Aura von Bernhard Kempen

Aura – Bernhard Kempen
Andro SF 150
p. machinery, Winnert, März 2022, 164 Seiten Softcover
ISBN 978 3 95765 2768

Adrian Ginjeet, der Starreporter von der Erde, mochte zum Heimatplaneten zurückkehren und Arkadia, dem Planeten der Nackten den Rücken kehren, doch die Reise kann nicht stattfinden, weil auf Arkadia eine seltsame Seuche ausgebrochen ist und man den ganzen Planeten unter Quarantäne stellt.
Menschen mit Verletzungen finden diese plötzlich von Moos befallen, aber dagegen ist schnell ein Gegenmittel gefunden. Anders sieht es bei den Bauwerken aus, die ebenfalls unter Pflanzenbefall leiden. Es kommt der Verdacht auf, der Planet könnte sich mit großer Verzögerung gegen seine Kolonisten aufbäumen, im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Sporen, die sowohl Menschen als auch Bauwerke befallen, werden von den Moosbäumen abgesondert, die sich bislang völlig unauffällig verhalten haben.
Mit Greedys Hilfe geht Adrian dem Phänomen auf die Spur und kann sich über einen außergewöhnlichen Erstkontakt freuen.
Wie bei den beiden vorhergehenden Bänden nutzt der Autor jede sich bietende Gelegenheit, um seine Protagonisten Sex haben zu lassen. Für mich kämen die Romane auch gut ohne Sex aus, aber dann würde die Hälfte des Inhaltes wegfallen und wahrscheinlich wird der Autor inzwischen eine Fangemeinde haben, die völlig anderer Meinung sind.
Neben dem Sex geht es darum, für alles Fremde aufgeschlossen zu sein und ohne Vorbehalte darauf zu zu gehen. Leben und leben lassen. Ob es nun Menschen sind, die lieber nackt sind oder Bäume, die sich bedroht fühlen, spielt dabei keine Rolle.
Für meinen Geschmack gibt es ein paar Ungereimtheiten, wie z. B, dass das Moos, das ja eine feste Verbindung zum Menschen hat, nicht mit ihm kommuniziert, wo der Baum es tut, aber das wird sicher nicht jedem auffallen.
Adrian wird auf jeden Fall immer offener und richtig genervt hat er mich dieses Mal auch nicht. Vielleicht habe ich mich schon an ihn gewöhnt.

Bernhard Kempen erzählt gewohnt gekonnt und hält sich kurz.
Mein persönlicher Favorit wird er wohl nicht mehr werden, aber es gibt mit Yvonne Tunnat durchaus Personen, die das völlig anders sehen.

https://www.rezensionsnerdista.de/2022/04/28/aura-von-bernhard-kempen/

15. Juni 2022

Kommissar Lavalle und der Seinemörder von Karla Weigand

Kommissar Lavalle und der Seinemörder von Karla Weigand
Zwischen den Stühlen 2
p. machinery, Winnert, 4. April 2022, 332 Seiten Softcover
ISBN 978 3 95765 2737
Preis: 14,90 €

Das Cover zeigt uns endlich einmal nicht eine hübsche Frau, die uns den Rücken zuwendet, sondern ein Bild des Aufstandes. Für meinen Geschmack hätte das Bild gerne größer sein dürfen.
Karla Weigand begibt sich mit Ihrem Roman in die Zeit unmittelbar vor der Französischen Revolution. Sie stellt uns Kommissar Lavalle vor, der einem Serienmörder auf der Spur ist und sich ungewöhnlicher Mittel bedient. Der Mann mischt sich in verschiedenen Verkleidungen unters Volk, beobachtet und stellt ab und zu eine Frage. Kein Bösewicht weiß, wie Kommissar Lavalle aussieht. Er behandelt seine Spitzel so gut, dass sie ihm stets mit Informationen dienlich sind. Gegen entsprechende Vergütung versteht sich.
Der Serienmörder ist ein geschickter Mensch, aber seine Taten lassen nichts Menschliches erkennen, denn er zieht seinen Opfern die Gesichtshaut ab, damit sie nicht identifiziert werden können und somit kein Hinweis auf seine Person gegeben wird. Seine Opfer lädt er alle in der Seine ab. Der Fluss behält die Leichen nur eine gewisse Zeit. Was dann von den Opfern übrig bleibt, bietet keinen schönen Anblick.
Wir lernen den Kommissar auch privat kennen, erfahren, dass er eine Freundin hat, die er gerne heiraten würde, wenn er ihr nur etwas mehr bieten könnte, als sein mageres Salär hergibt. Auch das stellt einen Anreiz dar, den Mörder schnell zu überführen, denn man hat ihm signalisiert, dass in diesem Fall mit einer Beförderung zur rechnen wäre.
Mit der Eheschließung wäre er nicht nur für seine zukünftige Frau, sondern auch für deren Mutter und Bruder mit verantwortlich, denn die würde die Braut mit in die Ehe bringen.

Neben dem schmucklosen Alltag von Kommissar Lavalle erfahren wir, wie es am Hof des Königs zugeht: mit Prunk und Pomp und Verschwendungssucht. Was beim einfachen Volk nicht gut ankommt, denn die normalen Leute haben kaum genug, um zu überleben. Überall muss lange angestanden werden, ohne Gewissheit das Gewünschte zu bekommen. Da ist es kein Wunder, wenn die Wut auf »die da oben« besonders auf Adel und Kirche, die sich im Übermaß gut eingerichtet haben, immer größer wird.

Die Autorin beschreibt das Leben der Armen genauso intensiv wie das verschwenderische Leben am Hof. Sie lässt uns teilhaben an der Wut der Armen, die sich nicht immer an den richtigen Stellen entlädt und zeichnet ein Bild einer gefährlichen Stadt, in der man seines Lebens nicht mehr sicher ist. Sie nimmt den Leser mit in die Vergangenheit und geizt nicht mit Details, sodass beim Lesen ein farbiges Bild entsteht. All das kommt nicht belehrend beim Leser an, sondern unterhält auf stimmige Art und Weise.

Der Roman von Karla Weigand sticht aus der Flut der historischen Romane hinaus, weil es einmal nicht um eine Frau geht, die aus der ihr zugedachten Rolle ausbricht, weil sie einen homosexuellen Täter hat, weil sie wahre Begebenheiten so gut recherchiert hat und sie so ins Geschehen einflicht, dass es nie aufdringlich wird, weil sie politische Unruhen thematisiert und weil sie einfach gekonnt erzählt. Ich kann dieses Buch mit gutem Gewissen empfehlen. Vier von fünf Sternen, aber nur, weil der Bösewicht nur böse ist.

16. Mai 2022

Das Dorf am Grunde des Sees – Gabriele Behrend

Das Dorf am Grunde des Sees – Gabriele Behrend

Außer der Reihe 64

p. machinery, Winnert, April 2022, 172 Seiten Softcover

ISBN 978 3 95765 2805

Preis: 12,90 €

Claire, eine angehende Lehrerin im Urlaub in Italien, hat von einem geheimnisvollen Dorf am Grunde des Sees gehört und will sich mit eigenen Augen von dessen Existenz überzeugen. Leider geht ihr die Luft aus und sie fürchtet zu ertrinken. Als ihr die Kräfte schwinden, lässt sie die Leuchtrakete fallen und findet sich plötzlich in ebenjenem Dorf, das sie gerade noch gesucht hat.

Sie wird von Kokoschkin aufgenommen, der sie mit der Unterwasserwelt vertraut macht. Sie lernt Giovanni kennen und verliebt sich in ihn. Die Gemeinschaft bekommt immer wieder Besuch von Außerirdischen aller Art. Aber nicht alle Einwohner mögen diese seltsamen Wesen, die sich zwar äußerlich an ihr Umfeld anpassen können, aber nicht dazu gehören.

Als der erste Regen im Dorf fällt, ahnt noch niemand, dass dem Dorf große Gefahr droht.

Um nicht zu viel zu verraten, endet meine Inhaltsangabe hier.

Ich gebe zu, als ich zu lesen begann, die Personen kennenlernte, dachte ich:

Aha, das gibt ein typisches Happy-End. die Gefahr wird gebannt und alle leben glücklich und zufrieden bis ans Lebensende.

Pustekuchen! Die Autorin hat sich etwas anderes einfallen lassen, etwas, das ein wenig realistischer anmutet und doch nicht enttäuscht.

Die Protagonisten sah ich alle förmlich vor Augen, so gut waren sie gezeichnet.

Dass die Autorin schreiben kann, wusste ich von etlichen Kurzgeschichten und ihrem Debütroman. Aber was ich hier lesen durfte, fand ich wirklich richtiggehend zauberhaft. Die außerirdische Lebensform, die sich dazu entschloss, den kleinen Menschen ein Dach über dem Kopf zu bieten, der ehemalige Lebemann, der mit seinem Schicksal hadert und seinen längst verstorbenen Vater immer nörgeln hört, die alte Hexe, die alle aufwiegelt, die jungen Liebenden, all das überzeugt und berührt. Wahrscheinlich werden einige Leser es als Kinderbuch abtun, aber dadurch, dass durch die Blume Fremdenhass angesprochen wird, kann es meiner Meinung nach auch von jung gebliebenen Erwachsenen gemocht werden.

Nichtsdestotrotz möchte ich der Autorin empfehlen, Kinderbücher zu verfassen, nicht nur, aber unbedingt auch, denn das kann sie ganz hervorragend. Und ich fände es traurig, wenn sie dieses Talent den Kindern vorenthalten würde, die sie unter Garantie lieben werden.

Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt und ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen.

Fünf von fünf Punkten.

7. Mai 2022

Die Killer-App von Adrian Urban

Die Killer – App, Adrian Urban
AndroSF 127, p.machinery, März 2022
Seiten: 440
Preis: 19,90 €
ISBN: 978 3 957652721

Ram Collins entdeckt einen nagelneuen Datenträger in einem öffentlichen Mülleimer und nimmt ihn interessiert mit nach Hause, wo er sich das Programm auf seinen implantierten Cyberport lädt. Fortan kann er Gedanken lesen und versucht, das Programm direkt wieder zu deinstallieren. Das gelingt ihm nicht, und so ruft er seinen Bekannten zu Hilfe, den er immer dann beansprucht, wenn er selbst nicht weiter kommt, aber auch Mirko kommt in dieser Angelegenheit nicht weiter.
Ram ahnt, dass ihm die neu gewonnene Fähigkeit beim Pokern eine Menge Geld einbringen könnte und lernt in wenigen Tagen online das Spiel. In der Tat gelingt es ihm, das große Turnier, das in Berlin stattfindet, zu gewinnen und den Hauptgewinn zu ergattern. Allerdings werden so auch zwielichtige Gesellen auf ihn aufmerksam, die ihn für sich arbeiten lassen. Ram schlittert immer weiter in deren dubiose Machenschaften, bis er weiß, dass er nicht mehr einfach aussteigen kann und flieht mit Mirko nach Bristol, wo der Hersteller der Gedankenleser App seinen Geschäftssitz hat.

Ich möchte den Lesern nicht den Spaß an der Lektüre verderben und zu viel vorwegnehmen, daher fahre ich mit dem Inhalt nicht weiter fort. Beide Helden sind nicht das, was man sich unter einem herkömmlichen Helden vorstellen würde. Ram war bis zum Handlungsbeginn ein kleiner Egoist, den andere nicht besonders interessierten und Mikro das, was man sich unter einem IT-Nerd vorstellt. Beide lernen im Laufe der Zeit, ihre Vorbehalte zu besiegen, sich aufeinander einzulassen und Neues zu wagen. Ich habe mich überaus gut unterhalten gefühlt und empfehle das Buch gerne weiter. So wie sich der Verlag anhört, könnte es eine Fortsetzung dieses Buches geben und die würde ich dann auch gerne lesen.

Ich vergebe 5 von 5 Punkten. Das Buch ist spannend und unterhaltsam.

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