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8. Mai 2022

Odyssee eines Unvernünftigen – Ray Müller

Odyssee eines Unvernünftigen, Ray Müller
p.machinery, Zwischen den Stühlen 1, Winnert, Januar 2022
Seiten: 396
Preis: 26,90 €
ISBN: 978 3 957652685

Zwischen den Stühlen ist ein neues Imprint von p.machinery, in dem Bücher veröffentlicht werden sollen, die nicht so recht in gängige Schubladen passen wollen, insofern ist wohl die Odyssee eines Unvernünftigen eine ausgezeichnete Wahl für den ersten Band.
Ray Müller hat als Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Autor gearbeitet und nun ist er in Rente und reflektiert sein bisheriges Leben und Arbeiten.
Er nimmt den Leser mit in fremde Länder, lässt und an seinen Abenteuern ebenso teilhaben wie an seinen Liebschaften. Es gibt kaum ein Land, das er nicht besucht hat, und seine Reiseberichte sind sehr lebendig, sie lassen Filme vorm geistigen Auge entstehen.
Aber nicht nur seine Reisen erleben wir mit, sondern auch seine Einsamkeit, seine Depressionen, sein Unausgefülltsein, seine Suche, dem Tag einen Sinn zu geben. Wir erleben, wie er stundenlang bewegungslos vor einem Fenster steht und sich fragt, was er mit dem Tag anfangen soll. Dort, wo uns die Zeit viel zu schnell vergeht, scheint sie sich bei ihm endlos zu dehnen. Die einzigen Hilfsmittel aus diesem Trott heraus scheinen Frauen zu sein, mit denen er sich auf sexuelle Abenteuer einlässt oder Gedanken, die er zu Papier bringt.

Ich hatte bei Ray Müller nie den Eindruck, dass es sich schlicht um »Altmänner-Sex-Fantasien« handelt, sondern dass er tatsächlich viele wechselnde Partnerinnen gehabt hat und uns einfach nur von diesen Begebenheiten berichtet. Was ein wenig nachdenklich macht, ist, dass er, obwohl selbst nicht mehr taufrisch, beim anderen Geschlecht auf jugendlich, schlankes Aussehen wert legt. Natürlich ist es sein gutes Recht, sein Ideal zu suchen und so lange er es findet, ist alles in Ordnung, aber ich hielte es für realistischer und einfacher, wenn er Abstriche in Kauf nehmen würde. Er versucht seine beginnende Glatze zu verstecken, anstatt dazu zu stehen, wie das heutzutage immer mehr Männer mit extremen Kurzhaarschnitten tun. Auf der einen Seite macht ihn das sympathisch, auf der anderen Seite denkt man, er könnte noch selbstbewusster da stehen, wenn er zu seinen Alterserscheinungen stehen würde. Aber der Autor verspricht, ehrlich zu sein, und das ist sicher nicht immer einfach und insofern sollte man es ihm hoch anrechnen.

Ich habe mich beim Lesen gefragt, ob es vielleicht ein Phänomen der Einsamen ist, dass sie in erster Linie nach Sexpartnern suchen, nicht nach jemandem, mit dem sie viele Interessen teilen können. Darüber habe ich anhand dieses Buches sogar mit meinem Mann diskutiert. Da wir seit über vierzig Jahren verheiratet sind, konnten wir diese Frage nicht beantworten, aber wir konnten uns vorstellen, dass es so sein könnte.

Der Autor erklärt, dass viele Gegebenheiten im Buch autobiografische Züge tragen, aber nicht alles 1 : 1 so passiert ist, und das merkt man dann auch ganz deutlich, aber erst im Nachwort, wo der vermeintlich immer einsame, häufig depressive Mann sich bei seiner Lebensgefährtin bedankt. An dieser Stelle fühlte ich mich dann auf den Arm genommen, denn der Mann, für den ich Mitgefühl aufgebracht hatte, hatte mich an der Nase herum geführt. Das war das Einzige, was mich an dem Buch gestört hat.

Es ist kein Roman, es gibt keine große Spannung, aber dennoch versteht der Autor sein Handwerk und erzählt gekonnt aus seinem Leben. Er lässt Bilder entstehen, die farbig oder schwarz-weiß sind. Er nimmt uns mit auf eine Gefühlsachterbahn und unterhält dabei.

Vier von fünf Punkten.

7. Mai 2022

Die Killer-App von Adrian Urban

Die Killer – App, Adrian Urban
AndroSF 127, p.machinery, März 2022
Seiten: 440
Preis: 19,90 €
ISBN: 978 3 957652721

Ram Collins entdeckt einen nagelneuen Datenträger in einem öffentlichen Mülleimer und nimmt ihn interessiert mit nach Hause, wo er sich das Programm auf seinen implantierten Cyberport lädt. Fortan kann er Gedanken lesen und versucht, das Programm direkt wieder zu deinstallieren. Das gelingt ihm nicht, und so ruft er seinen Bekannten zu Hilfe, den er immer dann beansprucht, wenn er selbst nicht weiter kommt, aber auch Mirko kommt in dieser Angelegenheit nicht weiter.
Ram ahnt, dass ihm die neu gewonnene Fähigkeit beim Pokern eine Menge Geld einbringen könnte und lernt in wenigen Tagen online das Spiel. In der Tat gelingt es ihm, das große Turnier, das in Berlin stattfindet, zu gewinnen und den Hauptgewinn zu ergattern. Allerdings werden so auch zwielichtige Gesellen auf ihn aufmerksam, die ihn für sich arbeiten lassen. Ram schlittert immer weiter in deren dubiose Machenschaften, bis er weiß, dass er nicht mehr einfach aussteigen kann und flieht mit Mirko nach Bristol, wo der Hersteller der Gedankenleser App seinen Geschäftssitz hat.

Ich möchte den Lesern nicht den Spaß an der Lektüre verderben und zu viel vorwegnehmen, daher fahre ich mit dem Inhalt nicht weiter fort. Beide Helden sind nicht das, was man sich unter einem herkömmlichen Helden vorstellen würde. Ram war bis zum Handlungsbeginn ein kleiner Egoist, den andere nicht besonders interessierten und Mikro das, was man sich unter einem IT-Nerd vorstellt. Beide lernen im Laufe der Zeit, ihre Vorbehalte zu besiegen, sich aufeinander einzulassen und Neues zu wagen. Ich habe mich überaus gut unterhalten gefühlt und empfehle das Buch gerne weiter. So wie sich der Verlag anhört, könnte es eine Fortsetzung dieses Buches geben und die würde ich dann auch gerne lesen.

Ich vergebe 5 von 5 Punkten. Das Buch ist spannend und unterhaltsam.

6. Mai 2022

Das blaue Ende der Zeit von Victor Boden

Filed under: Autor,Bücher,Buchbesprechung,Rezensionen,Roman — mluniverse @ 16:27
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Das blaue Ende der Zeit Victor Boden
Andro SF126, p.machinery, Winnert, Janura 2022
Seiten 644
Preis: 23,90
ISBN: 979 3 95765 260 7

Ein ganz normaler Mensch wird aus seinem langweiligen Leben gerissen. Man verhaftet ihn wegen eines Mordes, den er nicht begangen hat. Aber bevor es so weit ist, stellt er fest, dass die Welt nicht mehr ist wie zuvor. Seine Frau und die Kinder sind spurlos verschwunden und auch das Mobiliar zeigt deutliche Lücken. Er fragt sich, ob er von diesen Veränderungen nichts hätte mitbekommen müssen oder ob er dem Wahnsinn anheimgefallen ist.
Weder das eine noch das andere, denn er wurde bewusst aus seiner Existenz gerissen, um das Ende der Erde, oder besser gesagt, das Ende des ganzen Universums herbeizuführen.

So viel zur Ausgangssituation. Was folgt, ist ein Feuerwerk an Ideen, das bunter nicht sein könnte. Es geht um die verrücktesten Arten von Aliens, mit denen der Icherzähler sich herumstreiten muss, um Zeitreisen und um das Leben in einer Matrix. Jede dieser Ideen ist irgendwie neu und interessant, aber mir persönlich waren es dann doch zu viele. Immer, wenn ich dachte, ich hätte das große Ganze durchschaut, kam eine weitere Wendung, mit der man nicht gerechnet hat.
Zudem war mir der Held wider Willen nicht lebendig und glaubhaft genug. Der Familienvater, der seine Kinder erst nach über 300 Seiten vermisst, kommt für meinen Geschmack nicht sehr sympathisch rüber. Gut, nicht jede Ehe ist harmonisch und diese scheint auch schon Abnutzungserscheinungen zu zeigen, aber die Kinder sollte er deutlich früher vermissen und sich auch Sorgen darum machen, ob es ihnen gut geht. Er nimmt das Verschwinden viel zu schnell als gegeben hin und kümmert sich fortan nur noch darum, von einem Überlebenskampf in den nächsten zu stürzen. Dabei stirbt er sogar ein paar Mal, kehrt aber jedes Mal nach ein paar Minuten mit Erinnerung an den eigenen Tod zurück, um es dann besser zu machen.
Den ganzen Inhalt zusammenzufassen, wäre zu lang und in Abkürzung auch wenig verständlich, schätze ich.
Der Autor kann definitiv schreiben und ein anderer Rezensent bescheinigt ihm einen gewissen Humor, der allerdings völlig an mir vorüber gegangen ist.
Das liegt allerdings an mir, denn ich kann nicht mit jedem Humor etwas anfangen.
Ich habe meinen eigenen Geschmack und den hätte der Autor wohl eher getroffen, wenn die Drehungen und Wendungen weniger gewesen wären, auf schrägen Humor verzichtet worden wäre und der Held ein wenig glaubhafter gewesen wäre, aber ich rechne es dem Autor hoch an, dass ich mich auf 644 Seiten nicht ein einziges Mal gelangweilt habe.

Es gibt unter Garantie Leser, die den Roman ganz anders beurteilen werden, aber bei mir reicht es nur zu 3 von 5 Punkten.

4. Mai 2022

Alien Love – Eine Kurzgeschichtensammlung von Corinna Griesbach

Alien Love – Corinna Griesbach

Andro SF151, p.machinery, Winnert, März 2022

ISBN: 978 3 95765 277 5

Seiten: 106

Preis: 11,90 €

Die Autorin hat mir den Band zugesandt, weil ich sie für ein Projekt um SF Kurzgeschichten gebeten hatte. Ich brauchte drei Geschichten vorn ihr und darf hier verraten, dass mir die Auswahl nicht leicht gefallen ist.

Corinna Griesbach ist eine Autorin, die gerne auch mal Experimente wagt und Geschichten auf relativ unübliche Art erzählt. Ich bin in dieser Hinsicht konservativ und mag Anführungszeichen für die wörtliche Rede, deshalb haben mich wenige Storys nicht so gepackt wie andere. Ich denke, das ist für Storysammlungen nicht ungewöhnlich.

Die Kurzgeschichten sind teils sehr kurz gehalten, weshalb es schwer ist, etwas zum Inhalt zu sagen, ohne zu viel zu verraten.

Es geht, wie der Titel vermuten lässt, um die Liebe zwischen einer Frau und einem Alien, die Wahl eines denkbar ungeeigneten Kandidaten zum Papst, um eine Tante, die ihre Nichte unterrichtet, ein Dienstmädchen, das von seiner Herrschaft ausgenutzt wird, einen Sandsturm, einen Fehlalarm, Fragen, die sich durch Leihmutterschaft ergeben könnten, Dinge, die von einer Kolonie im All entdeckt werden, Menschen, die sich einfrieren lassen, Kinderersatz der anderen Art, eine Frau, die alleine auf der Erde zurückbleibt, das, was passieren kann, wenn Wasser und Luft privatisiert werden und um Aliens, die auf die Erde scheißen … ;-)

Ja, richtig gelesen! Ich weiß, das ist ein unorthodoxer Ansatz, aber zu dem wird uns eine Fortsetzung versprochen.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, fühlte mich gut unterhalten, habe meine drei Geschichten gefunden und kann eine klare Kaufempfehlung aussprechen. Die Autorin versteht ihr Handwerk und erzählt komplexe Geschichten in wenigen Worten. Toll. Mehr davon.

25. April 2022

Wunderbare Rezension von Yvonne Tunnat

Yvonne Tunnat hat unsere Ausgabe des Alraune Magazins gelesen und es hat ihr ganz offensichtlich gut gefallen: Hier könnt ihr nachlesen, was Yvonne zum Heft sagt. Ganz herzlichen Dank an dich, liebe Yvonne! Deine Rezis sind echt immer wieder lesenswert.

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