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15. Juni 2022

Kommissar Lavalle und der Seinemörder von Karla Weigand

Kommissar Lavalle und der Seinemörder von Karla Weigand
Zwischen den Stühlen 2
p. machinery, Winnert, 4. April 2022, 332 Seiten Softcover
ISBN 978 3 95765 2737
Preis: 14,90 €

Das Cover zeigt uns endlich einmal nicht eine hübsche Frau, die uns den Rücken zuwendet, sondern ein Bild des Aufstandes. Für meinen Geschmack hätte das Bild gerne größer sein dürfen.
Karla Weigand begibt sich mit Ihrem Roman in die Zeit unmittelbar vor der Französischen Revolution. Sie stellt uns Kommissar Lavalle vor, der einem Serienmörder auf der Spur ist und sich ungewöhnlicher Mittel bedient. Der Mann mischt sich in verschiedenen Verkleidungen unters Volk, beobachtet und stellt ab und zu eine Frage. Kein Bösewicht weiß, wie Kommissar Lavalle aussieht. Er behandelt seine Spitzel so gut, dass sie ihm stets mit Informationen dienlich sind. Gegen entsprechende Vergütung versteht sich.
Der Serienmörder ist ein geschickter Mensch, aber seine Taten lassen nichts Menschliches erkennen, denn er zieht seinen Opfern die Gesichtshaut ab, damit sie nicht identifiziert werden können und somit kein Hinweis auf seine Person gegeben wird. Seine Opfer lädt er alle in der Seine ab. Der Fluss behält die Leichen nur eine gewisse Zeit. Was dann von den Opfern übrig bleibt, bietet keinen schönen Anblick.
Wir lernen den Kommissar auch privat kennen, erfahren, dass er eine Freundin hat, die er gerne heiraten würde, wenn er ihr nur etwas mehr bieten könnte, als sein mageres Salär hergibt. Auch das stellt einen Anreiz dar, den Mörder schnell zu überführen, denn man hat ihm signalisiert, dass in diesem Fall mit einer Beförderung zur rechnen wäre.
Mit der Eheschließung wäre er nicht nur für seine zukünftige Frau, sondern auch für deren Mutter und Bruder mit verantwortlich, denn die würde die Braut mit in die Ehe bringen.

Neben dem schmucklosen Alltag von Kommissar Lavalle erfahren wir, wie es am Hof des Königs zugeht: mit Prunk und Pomp und Verschwendungssucht. Was beim einfachen Volk nicht gut ankommt, denn die normalen Leute haben kaum genug, um zu überleben. Überall muss lange angestanden werden, ohne Gewissheit das Gewünschte zu bekommen. Da ist es kein Wunder, wenn die Wut auf »die da oben« besonders auf Adel und Kirche, die sich im Übermaß gut eingerichtet haben, immer größer wird.

Die Autorin beschreibt das Leben der Armen genauso intensiv wie das verschwenderische Leben am Hof. Sie lässt uns teilhaben an der Wut der Armen, die sich nicht immer an den richtigen Stellen entlädt und zeichnet ein Bild einer gefährlichen Stadt, in der man seines Lebens nicht mehr sicher ist. Sie nimmt den Leser mit in die Vergangenheit und geizt nicht mit Details, sodass beim Lesen ein farbiges Bild entsteht. All das kommt nicht belehrend beim Leser an, sondern unterhält auf stimmige Art und Weise.

Der Roman von Karla Weigand sticht aus der Flut der historischen Romane hinaus, weil es einmal nicht um eine Frau geht, die aus der ihr zugedachten Rolle ausbricht, weil sie einen homosexuellen Täter hat, weil sie wahre Begebenheiten so gut recherchiert hat und sie so ins Geschehen einflicht, dass es nie aufdringlich wird, weil sie politische Unruhen thematisiert und weil sie einfach gekonnt erzählt. Ich kann dieses Buch mit gutem Gewissen empfehlen. Vier von fünf Sternen, aber nur, weil der Bösewicht nur böse ist.

8. Mai 2022

Odyssee eines Unvernünftigen – Ray Müller

Odyssee eines Unvernünftigen, Ray Müller
p.machinery, Zwischen den Stühlen 1, Winnert, Januar 2022
Seiten: 396
Preis: 26,90 €
ISBN: 978 3 957652685

Zwischen den Stühlen ist ein neues Imprint von p.machinery, in dem Bücher veröffentlicht werden sollen, die nicht so recht in gängige Schubladen passen wollen, insofern ist wohl die Odyssee eines Unvernünftigen eine ausgezeichnete Wahl für den ersten Band.
Ray Müller hat als Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Autor gearbeitet und nun ist er in Rente und reflektiert sein bisheriges Leben und Arbeiten.
Er nimmt den Leser mit in fremde Länder, lässt und an seinen Abenteuern ebenso teilhaben wie an seinen Liebschaften. Es gibt kaum ein Land, das er nicht besucht hat, und seine Reiseberichte sind sehr lebendig, sie lassen Filme vorm geistigen Auge entstehen.
Aber nicht nur seine Reisen erleben wir mit, sondern auch seine Einsamkeit, seine Depressionen, sein Unausgefülltsein, seine Suche, dem Tag einen Sinn zu geben. Wir erleben, wie er stundenlang bewegungslos vor einem Fenster steht und sich fragt, was er mit dem Tag anfangen soll. Dort, wo uns die Zeit viel zu schnell vergeht, scheint sie sich bei ihm endlos zu dehnen. Die einzigen Hilfsmittel aus diesem Trott heraus scheinen Frauen zu sein, mit denen er sich auf sexuelle Abenteuer einlässt oder Gedanken, die er zu Papier bringt.

Ich hatte bei Ray Müller nie den Eindruck, dass es sich schlicht um »Altmänner-Sex-Fantasien« handelt, sondern dass er tatsächlich viele wechselnde Partnerinnen gehabt hat und uns einfach nur von diesen Begebenheiten berichtet. Was ein wenig nachdenklich macht, ist, dass er, obwohl selbst nicht mehr taufrisch, beim anderen Geschlecht auf jugendlich, schlankes Aussehen wert legt. Natürlich ist es sein gutes Recht, sein Ideal zu suchen und so lange er es findet, ist alles in Ordnung, aber ich hielte es für realistischer und einfacher, wenn er Abstriche in Kauf nehmen würde. Er versucht seine beginnende Glatze zu verstecken, anstatt dazu zu stehen, wie das heutzutage immer mehr Männer mit extremen Kurzhaarschnitten tun. Auf der einen Seite macht ihn das sympathisch, auf der anderen Seite denkt man, er könnte noch selbstbewusster da stehen, wenn er zu seinen Alterserscheinungen stehen würde. Aber der Autor verspricht, ehrlich zu sein, und das ist sicher nicht immer einfach und insofern sollte man es ihm hoch anrechnen.

Ich habe mich beim Lesen gefragt, ob es vielleicht ein Phänomen der Einsamen ist, dass sie in erster Linie nach Sexpartnern suchen, nicht nach jemandem, mit dem sie viele Interessen teilen können. Darüber habe ich anhand dieses Buches sogar mit meinem Mann diskutiert. Da wir seit über vierzig Jahren verheiratet sind, konnten wir diese Frage nicht beantworten, aber wir konnten uns vorstellen, dass es so sein könnte.

Der Autor erklärt, dass viele Gegebenheiten im Buch autobiografische Züge tragen, aber nicht alles 1 : 1 so passiert ist, und das merkt man dann auch ganz deutlich, aber erst im Nachwort, wo der vermeintlich immer einsame, häufig depressive Mann sich bei seiner Lebensgefährtin bedankt. An dieser Stelle fühlte ich mich dann auf den Arm genommen, denn der Mann, für den ich Mitgefühl aufgebracht hatte, hatte mich an der Nase herum geführt. Das war das Einzige, was mich an dem Buch gestört hat.

Es ist kein Roman, es gibt keine große Spannung, aber dennoch versteht der Autor sein Handwerk und erzählt gekonnt aus seinem Leben. Er lässt Bilder entstehen, die farbig oder schwarz-weiß sind. Er nimmt uns mit auf eine Gefühlsachterbahn und unterhält dabei.

Vier von fünf Punkten.

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