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3. Dezember 2021

Der Einfluss von Exodus 43

Filed under: Buchbesprechung,Rezensionen — mluniverse @ 17:46
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Exodus 43

Diese Ausgabe des Exodus Magazins ist die erste, die ich überhaupt in Händen halte und ich bin von der Qualität begeistert. Front- und Backcover machen direkt Lust auf die Galerie, die dann auch nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil!
Was mich als Malerin und Zeichnerin echt überrascht, ist, wie viele Details Hubert Schweizer auf Din A 4 Papier mit Bleistift festhalten kann. Sagenhaft. Seine schwarz/weiß Zeichnungen sind schon wirklich toll, aber noch mehr haben es mir seine farbigen Bilder angetan. Er geht wirklich virtuos mit Farbe um, er schafft weiche Übergänge ebenso wie Kontraste. Man glaubt, man könnte in seine Bilder eintauchen, diese fremden Welten selbst erkunden.

Nun zu den Storys:
Vorsicht Synthetische Leben von Aiki Mira mit einer Illustration von Stas Rosin

Eine Frau und ein Mann leben zusammen. Er arbeitet in Teilzeit im Home-Office, sie ist die ganze Woche unterwegs. Zum Geburtstag schenkt sie ihm einen Biosenti, ein künstliches Lebewesen, das ich als Kindersatz wahrgenommen habe. Diese Biosentis sind groß in Mode, fast jeder, der überwiegend zu Hause ist, besitzt einen. Als pflegeleicht würde ich sie nicht gerade bezeichnen, so müssen sie zum Beispiel die ganze Zeit über am Körper getragen werden.
Spoiler, bitte nicht lesen, wenn die Story noch gelesen werden soll:
Als die Frau am Wochenende nach Hause kommt, erzählt sie ihm, dass sie ihre Transformation zum Mann in die Wege gleitet hat und sich sich darauf freut, weil sie hofft dann erst als vollwertiges Wesen in der Arbeitswelt anerkannt zu werden.

Im Prinzip kann man diese Story getrost als Horror bezeichnen, denn wenn wir als Gesellschaft in der Zukunft immer noch nicht weiter sind, dann ist wohl Hopfen uns Malz verloren. Mir ist bislang noch keine Story untergekommen, die in Sachen Gleichberechtigung ein dermaßen schwarzes Bild malt. Es gibt genug Geschichten, in denen Frauen die schlechten Angewohnheiten von Männern übernommen, diese teilweise sogar überzogen haben, aber eine Story, in der das Gewohnte bleibt und schlimmer wird? Nein, ich kenne keine und vielleicht ist es das, was sie so nachhaltig im Kopf kreisen lässt? Meiner Meinung nach ragt diese Story aus der Masse heraus und ich könnte mir gut vorstellen, dass sie auf einigen Nominierungslisten landen wird.

Die Illustration von Stas Rosin hat mir sehr gut gefallen. Sein Biosenti ist so süß, dass ich es mir auch auf den Rücken schnallen würde.

Das Ding von Norbert Stöbe mit einer Illustration von Oliver Engelhard

Karlo lebt in einem modernen Wohnsilo, in dem Tausende von Leuten untergebracht sind, die sich alle nicht über den Weg laufen, weil das Leben inzwischen nur noch innerhalb der eigenen vier Wände stattfindet. Erwin, sein Haushaltsroboter ist zwar nicht mehr das allerneuste Modell, aber die im Haushalt anfallenden Arbeiten erledigt er noch zuverlässig.
Eines Tages wird ein Ding angeliefert, das weder Erwin noch Karlo bestellt haben. Es sieht aus wie ein unbestimmter Flatschen. Es handelt sich um ein künstliches Lebewesen. Da Karlo es nicht bestellt hat, hat er auch keine Lust, sich großartig damit zu beschäftigen und verbannt es in einen Schrank, wo das Ding dermaßen anfängt zu stinken, dass er es schnell wieder herausholt. Dann sieht es so aus, als würde es sein Leben sabotieren, zuerst wird der Kochautomat geschrottet und Karlo muss lernen, selbst zu kochen. So geht es gerade weiter. Obwohl Karlo zuerst den angestammten Luxus vermisst, so stellt er doch fest, dass selbst gekochtes Essen weit schmackhafter ist. Außerdem kann er sich mit dem Ding besser unterhalten als mit dem Auslaufmodell Erwin.
Spoiler:
Gerade, als Karlo das Ding als Gesprächspartner oder sogar Freund akzeptiert, wird es wieder abgeholt. Allerdings rät es Karlo zuvor noch, mal wieder mit seinem mechanischen Hund spazieren zu gehen, was Karlo dann auch gleich macht.

Die Welt die der Autor und dann schildert ist verkommen, verwahrlost und macht einen trostlosen Eindruck. Für mich ein grandios gelungenes Stück Gesellschaftskritik in Corona Zeiten, in denen die Vereinsamung deutlich zunimmt und nicht viel Fantasie dazu gehört, sich vorzustellen, dass wir alle uns irgendwann daran gewöhnt haben werden, und nicht mehr den Drang verspüren, unsere Wohnungen zu verlassen. Die Geschichte gehört für mich auf sämtliche Nominierungslisten und hat meiner Meinung nach das Potenzial etliche Preise zu gewinnen. Mich hat sie jedenfalls voll abgeholt.

In der Illustration kommt die Überraschung des Protagonisten gut rüber.

Der lange Weg zur Schöpfung von Elena L. Knödler mit Illustrationen von Jaana Redflower

Ein Raumschiff befindet sich auf dem Weg zu einem Schwarzen Loch, in das es eintauchen wird. Die Besatzung an Bord muss sich mehreren Operationen unterziehen, um die Körper an die Gegebenheiten anzupassen. Bis auf eine Ausnahme – die Pilotin – gehören sie alle einem Orden an. Es gibt Leute, denen das Unternehmen auf den letzten Drücker doch zu heiß wird, die sich deshalb verabschieden. Es bleiben nur wenige übrig, die sich auf den Weg machen.

Geschichten, egal, ob kurze oder lange, sind immer Geschmackssache und diese Story wird wahrscheinlich ihre Liebhaber finden, aber mein Fall ist sie nicht, obwohl sie gekonnt geschrieben ist und man sich fragt, was wohl in dem Schwarzen Loch passieren wird, aber bevor wir dort sind, ist die Geschichte schon zu Ende. Sie lässt mich ein wenig ratlos zurück.

Die Illustrationen von Jaana Redflower haben mir gut gefallen, sie skizziert eher, als sie zeichnet, aber das so gekonnt, dass man die Stellen gut erkennen kann.

IQ 187 von Roman Schleifer mit Illustrationen von Frauke Berger

Ein zwölfjähriges Mädchen ist aus dem Fenster im vierten Stock seiner Schule in den Tod gesprungen. Bevor es das tat, hat ihr ein Mitschüler etwas ins Ohr geflüstert. Alaska Jansen wird mit der Klärung des Falles beauftragt und kann sich somit von seinem freien Tag, den er am Wannsee mit Musik und ausgelassenen Leuten verbringen wollte, verabschieden. Auf dem Video, das den Vorgang wiedergibt, sieht es so aus, als hätte der Junge, das Mädchen hypnotisiert und daher befragt Alaska einen angesehenen Psychotherapeuten, der mit Hypnose arbeitet.
Die Geschichte hat mir gut gefallen, weil ich auch in ihr wieder ein Stück Gesellschaftskritik sehe. Ein Junge aus guten Haus, der einen IQ von 187 hat, weiß sich nicht anders zu helfen, als jemanden in den Tod zu schicken um, – Achtung Spoiler – die Aufmerksamkeit seines Vaters zu erlangen.
Werden nicht wirklich heutzutage viele Kinder behandelt wie kleine Erwachsenen, die ihre Aufgabe zu erfüllen haben, die fleißig lernen, dem Leistungsdruck standhalten und ihre Freizeit vorm PC verbringen müssen? Gibt es noch gemeinsame Zoobesuche mit den Eltern?

Die Illustrationen von Frauke Berger haben was Mangamäßiges, sind leicht und locker und gefallen mir auch sehr gut.

Cthulhu Lucha Libre von Christian Endres mit einer Illustration von Michael Vogt

Jahrmarktsatmosphäre. Ein Budenbesitzer fordert die Dorfbewohner heraus mit seinem starken Mann zu kämpfen. Es geht um eine satte Börse. Der Einzige, der die Herausforderung annimmt ist ein Shoggothe, ein Gestaltwandler.
Eine kleine Hommage an Lovecraft.
Das Bild von Michael Vogt fängt die Jahrmarktsatmosphäre perfekt ein.

Das verlorene Kapitel – Aus dem Tagebuch des Schiffsjungen mit Illustrationen von Hubert Schweizer

Wir befinden uns an Bord der Nautilus und die Mannschaft kämpft gegen einen Riesenkraken. Sie gehen als Sieger hervor und der erbeutete Arm des Wesens wird als Abendessen gereicht.
Am nächsten Morgen wird unser Schiffsjunge von der Besatzung nicht mehr wahrgenommen. Einzig mit Kapitän Nemo kann er sich noch verständigen. Gemeinsam versuchen sie, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Hm, wie weiter oben schon gesagt, Geschichten sind immer Geschmackssache. Diese hier trifft meinen leider nicht. Wenn Autoren versuchen einen altertümlichen Ton zu treffen, weil sie sich an Klassikern orientieren, das aber nicht schaffen, wirkt sich das meistens nachteilig auf den Lesegenuss aus. Dann kommt hinzu, dass mit dem Ausgang dieser Story, der Ausgang des Originals unmöglich wird, was ich persönlich als Jules Verne Freund nicht gutheißen kann.

Die Illustrationen entschädigen für die schwache Story.

Das Labyrinth von Emil Kaschka mit einer Illustration von David Staege

In einem Königreich wächst ein Junge heran und weiß nicht so recht, was er werden soll. Es scheint nur zwei Möglichkeiten zu geben. Entweder ein Ritter oder ein Buchmeister. Obwohl es ihn mehr zum Buchmeister zieht, mag er die Entscheidung noch nicht treffen, viel mehr interessiert ihn das Labyrinth, das für alle Bewohner des Königreiches Tabu ist. So macht er sich eines Tage klammheimlich daran, das Labyrinth zu erkunden. Die Geschichten, nach denen es noch nie jemand geschafft hat, zurückzukehren, irritieren ihn nicht. Er glaubt, er könnte der erste sein.
Hier lässt der Autor dem Leser viel Platz für eigenen Interpretationen. So könnte man seine Suche nach dem Ausgang zum Beispiele als eine Suche nach sich selbst sehen. Die Geschichte wird ruhig und langsam erzählt.

Ganz am Rande von Ralf Krohn mit einer Illustration von Mario Franke

Ein Maler auf einer einsamen italienischen Leuchtturminsel hält sein Motiv gekonnt fest. Über ihm haben sich eine Handvoll Wissenschaftler einquartiert, die seltsame Experimente durchführen. Eines Tages kommt es zu einem übernatürlichem Ereignis.
Diese Geschichte hat mir sehr gut gefallen, auch weil der Maler so bildhaft und lebendig geschildert wurde. Er, der Laie, der mit diesen wissenschaftlichen Experimenten nichts am Hut hat, wird zum edlen Retter. Er durchschaut sogar die Hintergründe als erster. Routiniert geschrieben und fesselnd.

Die Illustration von Mario Franke passt perfekt.

Department for Special Purposes von Moni Schubert mit Illustrationen von Michael Vogt

Jake, ein zwölfjähriger Junge, verdient sich in einer Kneipe ein paar Dollar zum Taschengeld hinzu. Wir schreiben das Jahr 1941. Von einem netten Soldaten bekommt er immer die von allen ausgelesenen Superman Comics und verschlingt diese regelrecht. Als 1947 ein Farmer seltsame Gegenstände auf seinem Land findet und andere Leute von UFO Sichtungen berichten, ist Jake zufällig dabei, wie diese Teile vom Militär konfisziert werden. Wir begleiten Jake auf seinem Weg vom Militär über das Department for Spezial Purposes bis in den Ruhestand.
Die Roswell Story einmal anders erzählt. Ich fand sie unterhaltsam, auch wenn sie eher behäbig daher kommt und alles auf die Pointe hinausläuft.

Die Illustrationen passen perfekt.

Meine künstlichen Kinder von Thomas Grüter mit Illustrationen von Michael Vogt

Um Menschen und Kis aneinander zu gewöhnen, ist man dazu übergegangen ihnen das Aussehen von ca. zehn bis zwölfjährigen Kindern zu geben. Wie echte Kinder auch, sind sie schon mal zu Späßen aufgelegt. Clive kümmert sich liebevoll um seine beiden Kis und hofft, dass sie herausfinden, ob seine alte Flamme wirklich hergekommen ist, um ihr Habitat für ihr Konsortium zu kaufen. Dabei kommt es zu einem Unfall.
Die Story ist vielschichtiger, als es in dieser Zusammenfassung rüberkommt. Die Geschichte mit ihrem Warnhinweis, ohne erhobenem Zeigefinger, hat mir sehr gut gefallen und bringt einen zum Nachdenken.

Die Illustrationen von Michael Vogt sind schlicht gehalten, passen dennoch perfekt.

Copycabana von Andreas Debray mit einer Illustration von Nicole Erxleben

Die Menschen besitzen zwar noch einen Körper, aber das scheint nur eine Übergangslösung zu sein, denn das ganze Leben findet virtuell statt. Aber auch da kommt es hin und wieder zu Störungen.

Unterhaltsame und humorvolle kleine Story.

Die Illustration gefällt mit sehr gut.

Fazit:

Ein sehr unterhaltsames Magazin, das mit guten Storys ebenso zu überzeugen weiß, wie mit der grandiosen Galerie.

Diese Galerie hat mich dazu bewogen, auch mal wieder auf Leinwand zu arbeiten:

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