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6. Juni 2013

Zwischen Mythos und Wirklichkeit, Anthologie – Codi Verlag

Filed under: Buchbesprechung,Rezensionen — mluniverse @ 16:04

Zuerst einmal spreche ich Constanze Mendig ein großes Lob aus. Die Geschichten dieser Anthologie hat sie wunderbar zusammengestellt. Ich war mir nie darüber im Klaren, wie schön doch Zigeunergeschichten sein können. Dieses Buch hat, zumindest bei mir, einen Wunsch nach mehr hinterlassen. Constanze Mendig hat Geschichten aus dem hier und jetzt mit welchen aus vergangenen Zeiten kombiniert und doch zu einer Einheit verwoben.

Und auch an Manuela Deutschland, von der die Idee zu diesem Buch stammt und die ein Vorwort verfasst hat, geht mein Dank.

In diesem Buch ist von Zigeunern die Rede. Jeder der Autoren weiß, dass diese Bezeichnung nicht korrekt ist, aber in diesem Fall wird der Name nicht ein einziges Mal im negativen Sinne verwendet. Vielmehr musste ich oft an das Lied Zigeunerjunge von Alexandra denken. Wie in dem Lied klingt eine Sehnsucht durch, sich diesem Volk anzuschließen, Musik, Magie und Mystik ebenso mit ihnen zu teilen, wie die Freiheit, weiterziehen zu können, wann immer man mag. Die Vorurteile, mit denen sich das Fahrende Volk auch heute noch konfrontiert sieht, werden nicht unterschlagen, sondern bilden in fast allen Geschichten die Kehrseite der Medaille.

Die Seitenzahlen kamen mir im Verhältnis zur Schriftgröße über proportioniert vor, und meiner Meinung nach sollte bei der Verwendung von Blocksatz Silbentrennung zur Anwendung kommen, um die Löcher im Text zu vermeiden. An zwei, drei Stellen kam der Satzbruch durcheinander, aber das sind Kleinigkeiten. Ich kann die Lektüre dieses Buches uneingeschränkt empfehlen.

Mit kleinen Zusammenfassungen, ohne das jeweilige Ende zu verraten, möchte ich die Lust auf das Buch wecken:

Uwe Ackermann – Die Erde ist keine Scheibe

Ein Mann hat eine Wahrsagerin besucht und läuft laut »Ketzerei« schreiend davon und löst damit einen Anschlag auf die Zigeuner aus. Einzig Nikolaus, der Sohn eines bedeutsamen Mannes, mag sich der Vorverurteilung nicht anschließen. Verhindern kann er den Brandanschlag allerdings auch nicht. Was hat den Mann so aufgebracht? Die Zigeunerin trug ein Amulett, auf dem die Erde als Kugel dargestellt war. Keiner ahnt, dass Nikolaus sich mit einer Frau aus dem Zigeunerlager angefreundet hat. Hat ihre Liebe in diesen Zeiten Bestand?

Robert Beringar – Ein magischer Sommer

Melanie fliegt eine Taube zu, die sich auf ihrer Schulter niederlässt. Zu Hause angekommen berichtet Melanies Mutter, Sandra, aus ihrer eigenen Kindheit. Von ihrem ersten Urlaub bei der Familie ihres Vaters in Jugoslawien, die zu früheren Zeiten dem fahrenden Volk angehörten. Durch die Großmutter erlernt sie nicht nur die Sprache, freundet sich mit alten Geschichten an, lernt einiges über Magie, sondern findet auch ihre Berufung.

Dominic Böhm – Flötenwind

Wiliam, 10 Jahre alt, lebt als Waise im mittelalterlichen London. Es fällt ihm schwer, sich durchzuschlagen. Sein Magen knurrt und obwohl er nicht gerne stiehlt, sieht er kaum noch eine andere Möglichkeit, seinen Hunger zu bekämpfen. An einem Tag hört er eine Melodie, die ihn in ihren Bann zieht, folgt ihr und trifft auf einen alten Mann, der auf einer Flöte die wunderschönsten Klänge produziert. Der Mann schenkt dem Knaben die Flöte und wie durch Zauber kann der Junge darauf spielen. Wie bezaubernd es weitergeht, verrate ich nicht. Die Geschichte ist auf jeden Fall lesenswert.

Annemarie Craatz – Die Familienchronik

Jorina und Arpad, ein Zwillingspärchen besucht die Großmutter, um von ihr über ihre Vorfahren zu erfahren. Sie müssen für die Schule eine Familienchronik erstellen. Bis jetzt wissen die beiden nur, dass sie zum Stamm der Sinti gehören. Die Großmutter, Marva, berichtet, dass sie bei der Schwester ihrer Mutter aufwuchs, weil ihre Eltern als Musikanten durchs Land zogen. Und sie berichtet, wie es im Nazideutschland zuging. Aber mehr möchte ich an dieser Stelle auch nicht verraten.

Markus Cremer – Alte Zeiten

Auch hier wird über Deutschland unter dem Nationalsozialismus berichtet. Eine Frau erinnert sich, wie die Gefahr zuerst unterschätzt wurde, wie dann die ersten Wohnwagen brannten, Menschen verschwanden, um nie wieder aufzutauchen. Ihr eigener Mann war derjenige, der nicht glauben wollte, dass sie von Menschen, die ihnen zuvor wohlgesonnen waren, plötzlich gemieden wurden. Er kann nicht verhindern, dass seine Frau ebenfalls abgeholt und operiert wird. Ob es dennoch ein versöhnliches Ende gibt?

Magdalena Ecker – Der Wolf und die Hunde

Zwei Männer werden von Zigeunern großgezogen und als Jünglinge von einer mächtigen Waldfee auf eine Reise geschickt. Sie vertraut ihnen ein Mädchen an, welches die jungen Männer sicher zu ihrer Hochzeit geleiten sollen. Unterwegs treffen sie auf einen anderen Stamm, der ihnen gastfreundlich entgegentritt, aber hinterrücks Übles plant. Werden die beiden es schaffen und von ihrer wahren Identität erfahren?

Tanja Hanika – Asmara

Asmara die Wahrsagerin weissagt der Prinzessin Marianne, die kurz vor ihrer Hochzeit steht, sie möge sich vor Wasser in acht nehmen, es berge große Gefahr für sie. Als kurz darauf die Prinzessin ertrinkt hält man Asmara für eine Hexe und der Clan muss Hals über Kopf aufbrechen. Selbst ihre eigenen Leute werfen ihr kritische Blicke zu. Beim nächsten Halt hören sie weiterhin böses Gerede und müssen weiterziehen. Finden sie einen Ort, an dem man ihnen wohlgesonnen ist?

Ilka Haug – Zigeunermond

Miss Catherin, eine junge Adlige, die von ihrem Vater verheiratet werden soll, ist ein kleiner Wildfang, der die Natur liebt. Auf einem ihrer Ausritte wird sie von einer wunderschönen Melodie angezogen und sieht einen jungen Mann, der ihr viel besser gefällt als ihr Verlobter. Allerdings handelt es ich um einen Zigeuner und deren Ruf ist nicht der Beste. Als der junge Mann auf dem Gut ihres Vaters Arbeit findet, freunden die beiden sich heimlich an. Ob sie eine Zukunft haben? Ilka Haugs Geschichte verströmt Romantik und gehört mit zu meinen Favoriten. Ich würde sie auch lesen wollen, wenn es ihr je in den Sinn käme, sie zu einem Roman auszuarbeiten. Einfach bezaubernd.

Bettina Ickelsheimer – Der Fluch der alten Kiefer

Der Bürgermeister einer Kleinstadt will die Kiefer nach einem Sturm, der offenbart, dass der Baum morsch ist, fällen lassen. Eine alte Frau will das um jeden Preis verhindern, denn die Kiefer wurde vor langer, langer Zeit von Zigeunern mit einem Fluch belegt. Wird es ihr gelingen, den Bürgermeister umzustimmen? Oder steckt vielleicht ganz etwas anderes dahinter?

Inga Kress – Ganz leise erklingt eine Zigeunerweise …

Angezogen von dem besonderen Spiel einer Geige macht Hanna Bekanntschaft mit den Zigeunern, die am Ortsrand lagern, und lernt dort den Jungen kennen, der dieses Instrument so gut zu spielen versteht. Am nächsten Abend spielt der Junge ganz genauso gut auf der Gitarre. Da der Junge keinen Ton spricht, nennt sie ihn nach dem einzigen Zigeuner, den sie persönlich kennt, Janosch. Auch ohne Worte verstehen sich diese beiden Kinder. Doch eines Tages sind die Zigeuner fort. Ob es ein Wiedersehen geben kann?

Margret Küllmar – Friederike und Stephan

Friederike, die Tochter des Pfarrers ist schwanger! Ohne einen Mann geehelicht zu haben. In dieser Zeit eine Unmöglichkeit. Und dann ist der Vater des Kindes auch noch ein Zigeuner. Diese Beziehung hat weder auf der einen noch auf der anderen Seite eine Zukunft. Friederike flieht von zu Hause nur, um zu erfahren, dass ihr Geliebter eine andere Frau heiraten wird. Ob dennoch ein Happy End in Sicht ist?

Marianne Labisch – Sehnsucht

Nina lernt ein Zigeunermädchen kennen und würde gerne genauso frei sein, aber ihr Vater hält dieses Volk für Diebe, Betrüger und traut ihnen sogar noch schlimmere Dinge zu. Er verbietet seiner Tochter den Umgang. Die Kinder treffen sich heimlich. Gizella, so der Name des Zigeunermädchens, meint seine Großmutter könne Ninas Wunsch nach einem Besuch erfüllen. Und tatsächlich ein paar Tage später erklärt ihr Vater sich mit dem Besuch einverstanden. Ob er ihm jedoch gefällt, darf bezweifelt werden.

Oliver Lehnert – Der letzte Klient

Die Wege von Nanosch und Loredana kreuzten sich vor vielen Jahren. Sie las ihn auf, als er zusammengeschlagen am Wegesrand lag. Nun finden Sie wieder jemanden, der auf der Straße liegt. Loredana nimmt sich seiner an und taucht ab in seine Geschichte. Die ich hier aber nicht verraten werde.

Doris Lösel – Das Amulett

Eine Familie wird, bis auf ein dreizehnjähriges Mädchen, komplett ausgelöscht. Man befürchtet sogar, das Kind könne das Blutbad angerichtet haben. Von ihm fehlt jede Spur. Wir erfahren ihre Geschichte, die fantastisch und spannend zugleich ist. Einer der Höhepunkte der Anthologie.

Wilfried Mende – Einmal Malta und zurück

Ein Mann, der ohne Vater aufwuchs, erfährt von einer Wahrsagerin, wo er seinen Vater finden kann. Es soll nach Malta reisen, dort würde er weitere Informationen erhalten. So verrückt sich die Sache auch anhört, er wagt die Reise, ohne ein Hotel zu buchen. Und tatsächlich bekommt er weitere Instruktionen. Ob er mit dem Ergebnis seiner Reise zufrieden ist?

Karoline Pauluhn – Monikas Puppe

Die kleine Monika lernt das Zigeunermädchen Loredana und deren Großmutter kennen. Sie mag das Mädchen, das eine Puppe hat, die ebenfalls Monika heißt. Sie ist fasziniert von dieser geheimnisvollen Welt, in der die Großmutter ihren Besuchern die Zukunft vorhersagt. Weil ihre Eltern diesen Umgang nicht gutheißen, besucht sie Loredana heimlich. Ob die Freundschaft auch gegen Vorurteile Bestand hat?

Tabea Petersen – Die Geige meines Vaters

Die kleine Milena macht sich auf den Weg, ihren Vater zu sehen, von dem sie nur weiß, dass er in einer Zigeunerband spielt. Im Gepäck hat sie sein Abschiedsgeschenk an ihre Mutter, eine Geige. Auf einem Plakat hatte sie gesehen, dass er ein paar Orte weiter ein Konzert gibt. Ohne ihre Mutter zu fragen, besucht sie dieses Konzert und trifft zum ersten Mal ihren Vater. Wie dieses Treffen verlaufen mag?

Anna Juliane Rämisch – Zornesflammen

Aleksander, der sich lieber in der freien Natur, als in gepflegten Salons aufhält, trifft auf dem Jahrmarkt eine bildhübsche Wahrsagerin, die ihm Rufe in der Nacht prophezeit und sagt, er müsse sich beeilen, um nicht zu spät zu kommen. Nachdem dieses Ereignis stattgefunden hat, besucht er sie und die beiden werden ein heimliches Paar. Kann das in dieser Zeit gut gehen?

Niko Sioulis – Disharmonie

Der kleine Uri flieht aus dem Waisenhaus und wird von Zigeunern aufgenommen. Von der alten Großmutter, die ihm zu Beginn etwas unheimlich vorkommt, erfährt er, warum dieses Volk immer auf der Reise ist.

Jens Walter – Die Muse

Es geht um einen Autor, der nach anfänglichem Erfolg nichts mehr zu Papier bringt. Er sieht einen Jungen, der in der Fußgängerzone mit seinem Pferd bettelt, und kauft Möhren und Süßigkeiten für die beiden. Der Junge ist ihm dankbar und lädt ihn ein. Der Autor lernt eine hübsche Zigeunerin kennen, die ihm hilft, seinen Kopf aufzuräumen. Allerdings mit nicht zu erwartenden Folgen. Ein weiterer Höhepunkt dieser Anthologie.

Marcus Watolla – Der Clan der Zigeuner

Einem Mann platzt bei einer Fahrt der Reifen. Zwei Männer bieten ihre Hilfe an, schlagen ihn bewusstlos und hauen mit dem Wagen, Handy und der Geldbörse ab. Zigeuner finden ihn halb erfroren und päppeln ihn wieder auf. Allerdings empfehlen sie ihm, den Wohnwagen in der Nacht nicht zu verlassen. Was wird er sehen, wenn er aus dem Fenster blickt?

Simone Wertenbroch – Der Fluch der Mirga

Die Mirga fliehen von Serbien aus nach Deutschland. Die Großmutter Nanoka soll entscheiden, ob man am Ziel sesshaft werden soll, doch die gibt die Karten, in denen die Antwort zu finden ist, an ihre Tochter Mossia weiter. Obwohl diese keine stolze Sintiza ist, spricht sie sich dafür aus, zu bleiben. Jahre später, kommt eine Frau zu Mossia, um zu erfahren, ob sie nach vielen Fehlgeburten doch noch ein Kind bekommen wird. Weiter geht es, anders als zu erwarten.

Tobias Wulf – Der Zauberwürfel

Eine der kürzeren Geschichten. Ein Mann hat einem Zigeuner auf dem Jahrmarkt einen Zauberwürfel geklaut, der ihm Wünsche erfüllt. Allerdings mit seltsamen Nebenwirkungen.

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