ml-universe

10. November 2011

Interview mit Abel Inkun

Filed under: Interviews — mluniverse @ 16:36

Wie versprochen habe ich Abel Inkun zu seinem Roman "Der Tod aus einer anderen Welt" interviewt.

Marianne Labisch: Guten Tag, Herr Inkun. Vielen Dank für Ihre Zeit und die Bereitschaft mir Fragen zu Ihrem Roman „Der Tod aus einer anderen Welt“ zu beantworten.

Abel Inkun: Es ist mir ein Vergnügen, Frau Labisch.

Marianne Labisch: Stephen King mochte seine Figur „Carry“ aus seinem zweiten Roman nicht. Mögen Sie Henrik?

Abel Inkun: Ehrlich gesagt: Ja! Ich identifiziere mich sogar ein Stück weit mit Henrik. Ich mag keine strahlenden Helden, die auf einem weißen Pferd daher geritten kommen, um die Welt zu retten. Ich bevorzuge die Typen mit Ecken, Kanten und Fehlern – den typischen Antihelden eben.

Marianne Labisch: Hätte es ein Unsympath alleine nicht getan? Warum sind alle anderen auch so negativ geraten?

Abel Inkun: Zunächst einmal ist Henrik doch im Kern gar kein schlechter Mensch. Am Ende rettet er sogar seinem einzigen Freund Tobi das Leben. Für einen angeblichen „Fiesling“ ziemlich edel oder etwa nicht? Henrik zeigt nur der verlogenen, angepassten Gesellschaft den Stinkefinger, mehr nicht. Dafür wird er gemieden und gehasst. Doch von wem wird er eigentlich gehasst? Von Mitgliedern der angeblich normalen, bürgerlichen Gesellschaft, die sich doch im Laufe der Geschichte als die eigentlichen Scheusale entpuppen. Dabei ist es egal, ob es sich um den spießigen Hauseigentümer, den schmierigen Kaufhauschef oder die dumme denunzierende Kassiererin handelt. Auch die Polizisten (die mir persönlich auch suspekt sind und die ich nicht als „Freunde und Helfer“ betrachte) entpuppen sich als kalte, ignorante Staatsschergen. Das ist der Grund, warum so viele negative Typen im Buch vorkommen. Die Gesellschaft wimmelt nun mal davon.

Marianne Labisch: Die Polizisten in Ihrem Roman sind nicht nur kalt und ignorant, sondern auch noch dumm, und wahrscheinlich sogar bestochen. Aber in der Realität sind glücklicherweise nicht alle so. Auch dort gibt es verantwortungsvolle Menschen, die gute und wichtige Arbeit leisten. Sie sollten nicht alle über einen Kamm scheren.

Abel Inkun: Ich möchte nicht schnöselig erscheinen. Klar gibt es viele gute, ehrbare Polizisten. Aber die Zahl der schlechten, unmotivierten und frustrierten Zeitgenossen nimmt zu. Das gilt übrigens z.B. auch für Ärzte – da könnte ich natürlich einiges zu erzählen. Das liegt am Zeitgeist. An der Ellbogen-Gesellschaft, Geiz-ist-geil-Mentalität, an unserer aalglatten Unverbindlichkeit, so wie es uns die Medien als Ideal vorgaukeln. Einer zieht den anderen über den Tisch. Auch das schwingt als Grundthema in meinem Roman mit. Auch wenn ich vielleicht in Ihren Augen nur Gift und Galle spucke … In Wahrheit lebt ein kleiner Moralist in mir, der die Hoffnung nicht aufgibt.

Marianne Labisch: Mögen Sie prinzipiell keine Menschen?

Abel Inkun: Ich mag das Individuum und seinen Intellekt. Ich hasse Gruppen, Cliquen, Seilschaften und vor allem „Teams“. Gruppen sind dazu da, den Einzelnen zu bespitzeln und zu kontrollieren. Das dient dem System. Und das System ist selten menschenfreundlich. Für mich steht die Freiheit des Individuums im Vordergrund. Das Individuum ist kreativ und dient dem Leben. Die Gemeinschaft parasitiert und nimmt dir Freiheit.

Marianne Labisch: Ich glaube nicht, dass in jeder Gruppe bespitzelt und kontrolliert wird und an manchen Stellen geht es doch gar nicht ohne Team. Ein Arzt im OP benötigt Helfer, ein Pilot alleine wäre aufgeschmissen und es gäbe weitere Beispiele. Ich glaube, Sie meinen diese Verbände, in denen der eine dem anderen nicht über den Weg traut und hintenherum die Messer gewetzt werden. Diese Art Clique gibt es, die mag ich auch nicht. Aber es gibt sinnvolle Zweckverbände.

Abel Inkun: Ein Team kann nur funktionieren, wenn es sich um eine Zusammenarbeit von Individualisten handelt, die sich gegenseitig befruchten. Doch das ist ein Ideal, das oft nicht erreicht wird. Meistens gibt es einen im Team, der die Richtung vorgibt und die anderen folgen kritiklos dem Alpha-Tier. Oder einer macht die Arbeit und die anderen profitieren davon. Oder einer trägt die Verantwortung, und wenn was schief geht, muss er den Kopf dafür hinhalten. Die anderen ducken sich oder wenden sich ab.

Im OP hat der Arzt seine Helfer, sicher … Aber wenn was schief geht, dann ist am Ende immer der Arzt schuld und nicht der Helfer, der vielleicht den Arm falsch gelagert hat. Klar, der Arzt kriegt dafür das meiste Geld … aber echte Teamarbeit ist das nicht.

Marianne Labisch: Zurück zu Ihrem Roman. Man könnte vermuten, Sie beschreiben Klischees. Natürlich gibt es solche Figuren, wie Sie sie darstellen, aber sind das nicht eher die Ausnahmen?

Abel Inkun: Nein. Ein Großteil der Gesellschaft spiegelt sich in diesen Figuren. Sie können es im täglichen Leben nur besser verbergen. Natürlich habe ich die Charaktere comicartig oder sogar slapstickartig übersteigert dargestellt. Ein Stilmittel, das entlarven soll. Aber ich glaube, dass ich gar nicht so weit weg von der Wahrheit bin.

Marianne Labisch: Ich bin froh, dass Sie einräumen, etwas überzeichnet zu haben. Wären Sie nicht viel einfacher mit dieser Story bei einem Publikumsverlag untergekommen, wenn Henrik ein netter Kerl wäre, der den Sieg davon trägt?

Abel Inkun: Vielleicht. Wahrscheinlich sogar! Eine Literaturagentur hat mir in der Tat geschrieben, dass sie den Roman nicht vertreten wollen, weil der Protagonist so unsympathisch sei. Der Leser könne sich nicht mit Henrik identifizieren. Aber was soll ich machen? Wenn Henrik als netter Warmduscher und Schwiegersohn-Typ daherkäme, dann wäre das nicht mehr mein Buch.

Marianne Labisch: Sehr interessant, auch wenn Sie mit dieser Aussage kaum Grautöne zwischen Schwarz und Weiß zulassen. Ehrlich gesagt, fand ich Henrik auch nicht so übel. Ich kann mir gut vorstellen, dass aus ihm noch etwas hätte werden können. Ich gehe sogar so weit, zu behaupten, dass er auch Qualitäten besitzt, wenn er im Onlinespiel eine Gruppe anführen kann. Er übernimmt Verantwortung, erarbeitet Strategien und beschützt seine Mitstreiter. Könnten Sie sich vorstellen, eine Fortsetzung zu schreiben? Immerhin sind am Ende noch einige Fragen offen.

Abel Inkun: Ja. Das Ende des Buches ist tatsächlich kein richtiges Ende. Der schwarze Schattenmagier lebt schließlich noch und Tobi befindet sich auf der Flucht. Mir hat die Geschichte so viel Spaß gemacht, dass ich mir die Option für eine Fortsetzung offen halten wollte. Ehrlich gesagt wollte ich das davon abhängig machen, wie der erste Teil beim Publikum ankommt. Damals war ich noch so naiv und dachte: “Mit deiner Schreibe findest du sicher einen großen Verlag, der das Manuskript mit Kusshand nimmt!“ Denkste, Keule!

Marianne Labisch: Außerdem ist Tobi an einem Platz gelandet, den wir bislang noch gar nicht kennen. Ich habe zwar eine Vermutung, wo das sein könnte, aber sicher bin ich nicht. Wenn es je zu einer Fortsetzung kommt, wünsche ich mir auf jeden Fall, entweder wieder ein offenes Ende oder aber, dass der Schattenmagier seine gerechte Strafe bekommt. (Und das wäre nicht einfach sein Tod!)

Deshalb drücke ich Ihnen die Daumen, dass „Der Tod aus einer anderen Welt“ sich gut verkauft und wünsche ihnen viel Erfolg auf Ihrem weiteren Weg.  

Advertisements

Schreibe einen Kommentar »

Es gibt noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: