ml-universe

5. Dezember 2009

Zum Nikolaus

Filed under: author,Autor,Kurzgeschichten — mluniverse @ 14:07

Da morgen Nikolaus ist und ich immer noch keine guten Nachrichten überbringen kann, stelle ich euch heute meine kleine Episode aus dem Leben einer bekannten Persönlichkeit ein:

Nur ein armer Tor?

„Lebet wohl, mein Freund. Sollten Eure Wege Euch jemals wieder nach Bologna führen, so werde ich Euch gerne wieder eine Bettstatt anbieten.“ Mit diesen Worten verabschiedete ich mich vor vielen Sommern von einem jungen Herren, dessen Bekanntschaft ich hatte machen dürfen.
Er stand im Sommer 1482 an unserer Pforte und fragte, ob er in unserer Herberge rasten dürfe. Selbstredend durfte er, denn zu diesem Zwecke unterhielten wir unsere Kammern. Meine Eltern waren recht betagt, und da ich der einzige Nachkomme war, hatten sie schon vor langer Zeit verfügt, dass ich den Hotelbetrieb bald zu übernehmen hätte. Sie meinten somit würde denn auch meine Fantasie gezügelt. Mir gefiel dieser ausgesprochen stattliche Mann auf den ersten Blick. Er kleidete sich vornehm, mit außerordentlichem Geschmack. Sein dunkles Haar fiel in sorgfältig gekämmten Locken auf seinen weißen Kragen. Ich bat ihn ins Haus und geleitete ihn zu einem freien Gemach. Er fand alles zu seiner Zufriedenheit und erkundigte sich nach unseren Tischzeiten. Ich versicherte ihm, dass sich in unserem Hause zu jeder Zeit jemand finden würde, ihm frische Speisen zu bereiten. Diese Worte zauberten ein Lächeln auf sein Antlitz. Um die aufsteigende Röte in meinem Gesicht vor ihm zu verbergen, verließ ich seine Stube.

Mein Herz schlug im Galopp. Es brauchte eine Weile, bis es sich wieder beruhigt hatte. Nicht jeden Tag kamen so edle, gut aussehende Herren in unsere Herberge. Ich kann nicht umhin zuzugeben, dass ich mich ein wenig verliebt hatte. Nach einigen Tagen hatte ich mich an seine Anwesenheit gewöhnt und wurde nicht mehr jedes Mal rot, sobald er seinen Blick auf mich warf. Daher konnte ich mich am Abend unseres Maifestes, neben ihn setzen und mich ein wenig mit ihm unterhalten.
„Herr, Ihr verfügt über so viele Talente, wo habt Ihr all das gelernt?”, fragte ich ihn, noch ganz verzückt vom Klang seiner Stimme, mit der er sein Lautenspiel begleitet hatte und fuhr fort:
„Wie kommt es, das Ihr nicht nur singen und die Laute spielen könnt, sondern auch noch so schön malt?”
„Lange Jahre ging ich bei einem großen Meister in die Lehre. Ich interessiere mich für viele Dinge und strebe stets danach, alles darüber zu erfahren.”
„Was sind es für Dinge, die Euer Interesse wecken?”
„Ich denke, zum Beispiel die Städte wären erstrebenswertere Aufenthaltsorte, wenn es uns gelänge, sie sauberer zu halten.”
„Ja, das ist wohl wahr. Nachdem ich mit meinem Vater zum letzten Mal in Mailand weilte, war ich froh wieder zu Hause einkehren zu können. Selbst frisch gedüngte Felder verbreiten nicht solche Gerüche. Puh! Doch das ist wohl nicht zu ändern. Bei solch großer Anzahl von Menschen …“
„Ich befinde mich erst auf dem Wege nach Mailand, aber wenn es dort ähnlich aussieht wie in Florenz, dann sollte der Anfang darin bestehen, den Unrat aus den Straßen zu entfernen. Hernach sollten Kanäle anlegt werden, welche die Abwässer hinfort spülen. Die Fürsten sollten das ändern, bevor die Bevölkerung die Städte verlässt.”
„So wie Ihr es sagt, werdet Ihr die Fürsten von Euren Vorschlägen überzeugen können“, sagte ich. Denn er schien ganz genau zu wissen, wovon er sprach.
„Und wenn Ihr die Frage gestattet, was malt und schreibt Ihr stets in Euer Büchlein?”, versuchte ich zu erfahren. Immerzu konnte man ihn dabei beobachten, wie er in dieses Buch malte und diese Skizzen mit Text versah. Er holte es aus seiner Tasche hervor und reichte es mir, damit ich es betrachten konnte.
„Was ist denn das?”, fragte ich und deutete auf einen Menschen, den er gemalt hatte, als habe ihm jemand die Bauchdecke geöffnet.
„Wie sieht es denn aus?”, lautete seine Gegenfrage. Ich wiederholte meine Vermutung laut. Zur Antwort lachte er schallend. Schnell wurde er ruhiger, schaute sich um und verriet mir leise:
„Ja, genau das ist es auch. Wenn du die Muskeln, Sehnen und Gelenke malen möchtest, solltest du wissen, wie sie aussehen und funktionieren.” „Und woher wollt Ihr wissen, wie der Mensch von innen aussieht?”
„Ich verrate dir ein Geheimnis, weil deine Augen so schön sind und du dich wirklich dafür zu interessieren scheinst: Ich habe hineingeschaut, habe Leichen geöffnet”, bekannte er. Unwillkürlich rückte ich ein wenig von ihm ab.

„Aber Herr, das ist ja entsetzlich. Wie konntet Ihr so etwas tun?”
„Da sprichst du wahre Töne. In der Tat ist es eine Arbeit, die nicht zu den angenehmen Dingen im Leben gehört. Ich habe es als Wissenschaftler getan. So wie ein Arzt. Der muss auch hin und wieder Unangenehmes tun, um Positives zu erreichen.”
Ich versuchte das Thema zu wechseln und blätterte weiter, bis ich auf etwas Seltsames stieß.
„Und dies hier, was ist das?”
„Das sind Studien zu einem Flugapparat. Mein größter Traum ist es, einmal wie ein Vogel durch die Lüfte zu schweben.”
„Und Ihr glaubt, Ihr könntet eine Maschine bauen, die das ermöglicht?
„Ich hoffe es sehr.”
Auf einer weiteren Zeichnung waren Wurfgeschosse zu sehen, deren Ladung sich in der Luft ganz von selbst in viele weitere Geschosse teilte. Wegen seiner Kriegsmaschinen war er nach Mailand an den königlichen Hof geladen worden.
Wir unterhielten uns, bis mein Vater mich fragte, ob es nicht an der Zeit sei ins Bett zu gehen. Obwohl ich mich gerne noch weiter unterhalten hätte, folgte ich meinem Vater widerwillig, denn schon früh musste ich für die ersten Gäste das Frühstück bereiten.

Vor Aufregung fand ich vorerst keinen Schlaf. So viele seltsame, interessante Themen hatte ich nie zuvor besprochen. Jede Gelegenheit von diesem Mann zu lernen, nutze ich. Er wuchs mir ans Herz und ich war überzeugt, dass ich noch häufig Berichte über ihn vernehmen würde. Als der Tag des Abschiedes kam, war ich sehr betrübt.
Kaum war er abgereist, nahm mein Vater mich zur Seite und fuhr mich an: „Ich hoffe, du nimmst nichts von dem ernst, was dieser arme Tor dir erzählte.”
„Dieser Mann ist ganz gewiss kein Tor!”, wagte ich ihm zu widersprechen.
„Glaube nur nicht, ich hätte nicht gehört, was er dir für irrsinnige Geschichten erzählte. Von Flugapparaten, Leichenfledderei und Kriegsmaschinen. So kann nur ein Tor daher reden.”
„Ehrwürdiger Vater, wie kannst du so etwas sagen? Hast du etwa diesen Flugapparat gesehen? Kennst du dich am Ende gar mit der Ingenieurskunst aus?”, fragte ich erbost.
„Wenn du weiter so respektlos sprichst, werde ich dich die Rute spüren lassen. Ein paar Tage mit einem Mann, dessen Geist verwirrt ist, werden dich nicht deinen Gehorsam verlieren lassen, oder?”
„Nein, gewiss nicht Vater, aber er ist nicht verwirrt. Er ist seiner Zeit weit voraus. Dieser Mann ist der intelligenteste Mensch, der mir jemals begegnete.”
„Geh in die Küche und hilf deiner Mutter. Deine Reden will ich nicht mehr hören.”
„Das ist nicht gerecht, Vater!”, ereiferte ich mich. Ich wollte den Mann beschützen. Hätte ich geschwiegen, wäre es mir wie ein Verrat an ihm vorgekommen. Mein Vater holte aus und schlug mir die Hand ins Gesicht. Die Tränen schossen in meine Augen. Damit er nicht sehen konnte, wie tief er mich damit gekränkt hatte, drehte ich mich ohne ein weiteres Wort um und machte mich auf den Weg in die Küche. Da hörte ich meinen Vater noch eine letzte Frage stellen:
„Wo kam er überhaupt her, dein Leonardo?”
„Aus Vinci”, antwortete ich wahrheitsgemäß.
Immer, wenn ihn eine Tat oder ein Wort reute, stellte er solche Fragen. Dies war seine Art sich zu entschuldigen.

Welche Tochter konnte da noch böse sein?

Liebe Grüße

Marianne

Advertisements

Schreibe einen Kommentar »

Es gibt noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: